Zuerst kamen die Russen, später die Wassermassen des Kachowka-Stausees. Tetjana Salewska in ihrem von der Flut zerstörten Haus.
Reportage

Befreit und traumatisiert: Leben nach russischer Besatzung in der Ukraine

Vor zehn Monaten befreite die ukrainische Armee die Dörfer am Fluss Inhulez. Die Erfahrung von Ohnmacht und Gewalt bleibt, ebenso wie das Misstrauen gegenüber den Nachbarn. Eine „Presse“-Reportage.

Als die Russen in die Dörfer am Inhulez kamen, nahmen sie zuerst die Autos mit. Die Russen waren in Gruppen unterwegs. Sie stießen die Gartentore auf, betraten die betonierten Höfe und verlangten nach dem Hausherren. Sie ließen sich die Garagen zeigen und forderten die Autos. „Daj maschinu“, sagten sie. „Rück das Auto raus!“ Es war nicht verhandelbar. Es war ein Befehl.

In den Dörfern am Inhulez braucht man ein Auto zum Leben. Die Dörfer tragen Namen, wie sie Dörfer in der Ukraine oft tragen, Pawliwka, Juriwka, Wasyliwka. Es sind Ansiedlungen mit ein paar Dutzend Häusern, manchmal gibt es noch eine Schule oder ein Lebensmittelgeschäft. Die Dörfer liegen an beiden Ufern des Inhulez, der sich hier durch die Ebene schlängelt und weiter südlich in den Dnipro mündet. Zwischen den Orten erstrecken sich Sonnenblumenfelder und sonnenverbrannte Weiden, vor deren Betreten jetzt rote Minenwarnschilder oder einfach nur ans Gestrüpp geknotete Plastikbänder warnen. Die nächstgrößeren Städte, Mykolajiw und Cherson, sind gut eineinhalb Autostunden entfernt.

Auch in das Haus von Tetjana Salewska kamen die Russen. Neun Mal. Hier, wo sie jetzt steht, in dem von Weinranken überwachsenen Hof, da standen auch sie. Sie stahlen beide Autos der Familie. Einmal kamen sie am Abend, es war schon dunkel. Sie verlangten nach dem Hausherren, hielten Salewskas Mann eine Kalaschnikow an den Kopf und führten ihn zur Garage. „Du weißt nicht, was sie als nächstes tun werden“, erinnert sich Salewska an ihre Todesangst von damals. „Werden sie dich erschießen oder nicht?“ Dann kam der Befehl zum Abmarsch: „Gehen wir, hier gibt es nichts mehr zu holen.“

Salewska ist 44 Jahre alt, sie trägt einen blonden Kurzhaarschnitt und eine Bauchtasche für alle wichtigen Dinge. Vor dem Krieg war sie Kindergärtnerin, jetzt ist sie arbeitslos: Die wenigen Kinder, die im Ort geblieben sind, können nicht gefahrlos den Kindergarten besuchen. Salewska verbrachte die ganze achtmonatige Besatzungszeit, die von Mitte März bis Mitte November 2022 dauerte, in ihrem Haus in Iwano-Kepyne. Das ist eines der Dörfer am Inhulez.

Opfer wurden geschlagen

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