Das moderne Ökonomie sei mit traditioneller Spiritualität unvereinbar, meint der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann.
Wien. Profite machen und nach Sinn streben, einen Konzern erfolgreich managen und nach dem christlichen Liebesgebot handeln, geht das zusammen? Nein, meint Konrad Paul Liessmann, Philosophieprofessor an der Universität Wien. Mit spirituellen Werten wie Sinn sei das moderne Wirtschaftsleben nicht kompatibel. "Wie soll man profitabel wirtschaften, wenn man das christliche Liebesgebot einhalten will?" Tausende Mitarbeiter zu entlassen, sei nicht mit dem Liebesgebot vereinbar.
Auch dann nicht, wenn man den Fortbestand des Unternehmens als höheres Gut annimmt, weil damit mehr Arbeitsplätze gerettet werden? - Nein, meint Liessmann: "Das christliche Liebesgebot gilt absolut und kennt keine Güterabwägung." Im übrigen sei die Ökonomie nicht primär dazu da, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern folge einer anderen Logik. "Wenn ein Nahrungsmittelkonzern Samen patentieren lässt, die es in der Dritten Welt schon lange gibt, dient das nicht in erster Linie dazu, den Hunger der Welt zu bekämpfen." Freilich werde die zwingende Logik des Marktes spirituell verschönert. Man argumentiere: "Wenn wir das nicht tun, kommen uns die anderen zuvor, wir schlittern in die Krise, es gibt Arbeitslose etc." Als Konzernleiter könne man sich dem nicht entziehen. Als einzelner könne man in ethisch nicht so prekäre Branchen wie den Non-Profit-Sektor wechseln und sein Gewissen beruhigen.
Die moderne Ökonomie ersetze das traditionelle Verständnis von Sinn mit ihren eigenen Werten - Markt, Profit, Erfolg, Wettbewerb. Dieser Logik werde alles unterworfen, auch die Religion: "Es gibt nicht mehr die alte Religionsgemeinschaft, die die Menschen ein Leben lang bindet." Man könne ein paar Jahre lang Buddhist sein und dann ein neues Sinnsystem konsumieren. "Was uns westliche Menschen am Islam so stört, ist, dass man nicht austreten kann. Das widerspricht unserem Konsumentenverständnis von Religion."
Die Antworten der traditionellen Religionen und Ideologien zieht Liessmann nicht unbedingt vor: "Es ist besser, die Menschen denken an Profit und Wohlstand als daran, wie sie andere erlösen." Wettbewerb und Wachstum seien allemal besser als Religionskriege oder Kriege aus Patriotismus. Dem Bestreben, Ökonomie und Spiritualität vereinbar machen zu wollen, steht Liessmann skeptisch gegenüber. "Ich frage mich, ob es gut wäre, wenn zu viel Spirit im modernen Kapitalismus ist."
Die Sinnfrage kriege man trotzdem nicht weg: Wozu sei der globale Wettbewerb eigentlich letztlich gut? "Dass eine Milliarde Chinesen VW fahren und wir im Gegenzug verbilligte Gebrauchsgüter bekommen? Dafür arbeiten wir 40, 50 Stunden die Woche?" Das Wirtschaftswachstum sei ein sehr starker Gott, für den die Menschen alles auf sich nehmen: lebenslanges Lernen, Flexibilität, Mobilität. "Wenn sie ihren Job verlieren, murren sie nicht, sondern suchen sich einen neuen." Es sei tabu, die Frage nach der Möglichkeit der Beendbarkeit des Wirtschaftswachstums zu stellen, weil alle seine Ziele einmal erreicht seien.
"Der moderne Kapitalismus hält die Menschen aber so auf Trab, dass sie die Sinnfrage nur selten stellen müssen." Höchstens in Krisenzeiten. Und diese sind kurz. "Bei einsamen Menschen ist die Krise auf den Heiligen Abend und die beiden Tage danach beschränkt. Am 27. Dezember müssen sie ohnehin schon wieder arbeiten." Auch mit dem Tod setze man sich kürzer auseinander als in anderen Kulturen, wo man etwa ein Trauerjahr einhalte. "Wenn ein naher Angehöriger stirbt, muss man schon froh sein, wenn man zum Begräbnis frei bekommt. Man begräbt sein Kind, und dann kommt schon wieder der Acht- oder Zehn-Stunden-Tag."
Selbst die Gegner der Sonntagsarbeit hätten sich der Argumentation des modernen Kapitalismus angepasst. "Auch die sagen nur: Wir brauchen Feiertage, um auf Kurzurlaub fahren zu können, damit die Hotellerie ausgelastet ist und die Arbeitsplätze in der Region nicht gefährdet sind." Kein Mensch sage: "Wir dürfen die Feiertage nicht abschaffen, weil das die letzten Zeiten sind, wo wir uns mit unserer Erlösungsbedürftigkeit auseinandersetzen können."