Autos: Ein Airbag für Indiens Oberklasse

Weniger als ein Prozent der Inder haben derzeit ein Auto. Europäische Autohersteller buhlen bereits um Bekanntheit auf dem rasant wachsenden Riesenmarkt.

Bombay/ Aurangabad. Fahrräder und Mopeds, mit drei bis vier Leuten besetzt, schlängeln sich an motorisierten Rikschas, Kleinlastern und Taxis _ allesamt schwarze Fiats mit gelben Dächern, Baujahr 1984 _ vorbei. Begleitet von Dauerhupkonzerten. Auf den Straßen, die die Vorstädte von Bombay mit dem Zentrum der Millionenstadt verbinden, stockt täglich der Verkehr.
Eine Familie mit zwei Kleinkindern kampiert auf einer Verkehrsinsel. Links und rechts kriechen Kolonnen aus uralten Fabrikaten der Marken Tata, Maruti Suzuki, Hyundai, Fiat, Opel vorbei: Die von indischen Töchtern der europäischen und japanischen Hersteller produzierten Billigautos machen 80 Prozent des Marktes aus. Nur selten fallen einem Autos ins Auge, wie sie derzeit das mitteleuropäische Straßenbild prägen. Auf denen prangt zumeist der Mercedes-Stern, auch Ford, Honda und Hyundai punkten bei den Besserverdienern.
Diese sind auch die Zielgruppe von ?koda: Im indischen Aurangabad, eine Flugstunde von Bombay entfernt, liegt die größte ausländische Produktionsstätte des zum VW-Konzern gehörenden tschechischen Autoherstellers.

Sicherheit wird wichtiger

Der ?koda Octavia ist in Indien ein Oberklasse-Auto. Noch vor drei Jahren sei Sicherheit in Indien kaum gefragt gewesen, sagt Imran Hassen, Managing Direktor von ?koda Auto India.  "Die meisten Octavia-Besitzer haben ja einen Fahrer. Und die haben gemeint, wozu brauche ich einen Airbag, mein Fahrer ist ja viel billiger." Heute wirbt ?koda mit Sicherheit: "We fill our airbags with life" lautet ein Slogan auf einem Plakat, das eine Frau und ein kleines Mädchen mit Luftballons zeigt. Allmählich setze sich auch bei den indischen Konsumenten der Wunsch nach Sicherheitsstandards durch. Zumindest bei den teureren Autos.
Im ?koda-Werk in Aurangabad bedient ein Arbeiter einen Fußhebel, um einen Motor unter eine Karosserie zu hieven. "Der Lohnkostenanteil ist in Indien kaum niedriger als in Deutschland", sagt Hassen. Der Grund: Die Automatisierung in den Fabriken ist längst nicht so weit fortgeschritten wie in Europa. Autos, die hier entstehen, sind ausschließlich für den indischen Markt bestimmt. Der ist freilich Zukunft versprechend. Mindestens ein Zehntel der indischen Bevölkerung hat einen guten Lebensstandard und genug Geld. Das ist zehnmal mehr, als es in Tschechien Einwohner gibt. Noch hat nicht einmal jeder hundertste der über eine Milliarde zählenden indischen Bevölkerung ein Auto. Im Vorjahr wurden in Indien 834.000 Pkw abgesetzt. Bis 2012 wird sich diese Zahl aktuellen Schätzungen der Hersteller zufolge jährlich um gut achteinhalb Prozent steigern.
Dass alle Inder einmal ein Auto haben könnten, wird noch lange nicht Wirklichkeit werden. Doch platzt der Verkehr in den Großstädten nicht schon jetzt aus allen Nähten? "Indien wird die Infrastruktur dafür schaffen", ist Hassen überzeugt. "Es sind bereits Planungen der Regierung im Gang." Und der Kuchen, an dem die Europäer mitnaschen wollen, wächst. Die neue Fabrik von ?koda hat eine Kapazität von 15.000 Fahrzeugen pro Jahr. Das ist nicht viel, aber mehr, als ?koda bisher insgesamt in Indien verkauft hat.

Keine Autos für Europa

Immer mehr für den indischen Markt bestimmten Fahrzeuge werden vor Ort montiert. Ein Grund sind die hohen Einfuhrzölle: Ursprünglich kamen die ?kodas aus der tschechischen Produktionsstätte Mlad¡ Boleslav. Vor zwei Jahren erhöhte der indische Staat den Zoll für importierte Autos von 30 auf 60 Prozent. "Die wollen so Arbeitsplätze im Land schaffen. Aber für uns hat sich der Import kaum mehr gelohnt", erzählt ?koda-Auto-India-Chef Karl-Günter Büsching. So habe man die Fabrik in Aurangabad errichtet.
Zumindest zur Montage. Die meisten Autoteile (Karosserie, Motor) kommen nach wie vor aus Tschechien. Nur Reifen und Autositze werden in Indien hergestellt. Doch das Endprodukt ist ein indisches, und das tut dem Image des Autos gut. Autos für den europäischen Raum in Indien zu produzieren, wird sich auch in Zukunft nicht rentieren: Die Zölle sind zu hoch, die Kostenvorteile zu gering.

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