Der Trend zu Fusionen wird auch die nächsten beide Jahre anhalten. Betroffen werden vor allem Telekom-Unternehmen sowie Banken sein.
WIEN. Nach Jahren der Flaute wird 2004 wieder als ein Jahr großer Firmenzusammenschlüsse in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Erstmals seit dem Jahr 2000 gab es heuer weltweit wieder mehr Fusionen als im vorangegangenen Jahr. Bereits in den ersten elf Monaten lag das Gesamtvolumen bei Zusammenschlüssen und Übernahmen mit 1164 Mrd. Euro um 47 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Die Zahl der Transaktionen liegt mit 18.481 allerdings nur um zehn Prozent über dem Vorjahreswert. Womit klar wird, dass vor allem Großfusionen die diesjährige Übernahmewelle getrieben haben.
"Die weltweite Zunahme bei Fusionen kann auf die Dominanz der Börsen in den USA, in Großbritannien und auch in Asien zurückgeführt werden", sagt Klaus Mittermair, Chef von KPMG Corporate Finance Österreich, gegenüber der "Presse". Der Trend zu Zusammenschlüssen und Übernahmen wird den Experten zufolge auch 2005 und 2006 anhalten, wenn auch etwas gedämpft.
"Ausgehend von den USA kommt Bewegung in den Markt, die Unternehmer schauen optimistischer in die Zukunft", erklärt Friedrich Rödler, Chef von PricewaterhouseCoopers (PwC) Österreich, die steigende Übernahmelust: "Insbesondere die Großfusionen haben zugenommen, nachdem man in Folge des 11. September und mehrerer Bilanzskandale eher das eigene Haus in Ordnung gebracht hat, als Mega-Deals abzuschließen."
Für einen solchen Mega-Deal sorgte im Jänner dieses Jahres die US-Investmentbank J.P. Morgan Chase mit der Übernahme der amerikanischen Bank One. J.P. Morgan ließ sich diese Transaktion umgerechnet knapp 48 Mrd. Euro kosten: Mit einer Bilanzsumme von 840 Mrd. Euro entstand damit hinter der Citigroup die zweitgrößte Bank der USA. Diese Summe entspricht nahezu dem Vierfachen der österreichischen Wirtschaftsleistung aus dem Vorjahr.
Zum weltweit größten Finanzinstitut schlossen sich im August dieses Jahres die japanischen Banken Mitsubishi Tokyo Financial Group und UFJ Holdings zusammen. Die Bilanzsumme der neuen Nummer eins liegt mit 1270 Mrd. Euro über den 970 Mrd. Euro, die die Citigroup ausweist.
Die meisten Fusionen und Übernahmen gingen heuer in den USA über die Bühne. Die Mobilfunk-Giganten Cingular und AT&T feierten eine 32 Mrd. Euro teure Elefantenhochzeit. Auch im Dezember wurden mit der Übernahme von Peoplesoft durch Oracle (7,8 Mrd. Euro) sowie des Medizintechnikspezialisten Guidant durch den Konsumgüterkonzern Johnson & Johnson (19 Mrd. Euro) zwei große Akquisitionen finalisiert.
"Inzwischen werden für die USA ja leichte Konjunktur-Rückgänge gemeldet", sagt KPMG-Experte Mittermair. "Bei Zusammenschlüssen und Übernahmen wird es 2005 aber ähnlich weitergehen wie im Jahr 2004." Insbesondere im Banken-, Telekom- und dem Informationstechnologie-Sektor werden weitere Zusammenschlüsse erwartet.
Außer den USA sehen die Experten vor allem Asien als "großes Thema". "Da hatten wir schon heuer den größten Aufschwung, und gerade bei Lebensmitteln und Markenartikeln sowie im Handel und in der Pharma-Industrie ist einiges zu erwarten", sagt Mittermair.
Auch in Osteuropa sei unter anderem bei der "klassischen Produktion mit möglichst großen Stückzahlen" zunehmend mit Fusionen oder Übernahmen zu rechnen, vor allem in der Telekommunikationsbranche.
Europaweit standen heuer insbesondere zwei Großfusionen im Mittelpunkt: Im Februar schlossen sich die Air France und die niederländische KLM mit einem Aktientausch zusammen. Air France/KLM ist seither die größte Fluglinie Europas und die viertgrößte der Welt. Enormes Aufsehen erregte im Juli die Übernahmeschlacht um den Pharmakonzern Aventis, der schlussendlich vom kleineren französischen Mitbewerber Sanofi geschluckt wurde. Mit 52 Mrd. Euro wurde dies der Zusammenschluss mit dem größten Transaktionsvolumen im heurigen Jahr.
Insgesamt gebe es in Europa aber noch viel zu viele Banken, meint Rödler: "Da wird in näherer Zukunft sicher einiges kommen." Etwa zwei bis drei Jahre werde die Fusionswelle andauern, meint der PwC-Chef: "Die Unternehmen streben größere Marktanteile, eine stärkere Position im Wettbewerb, eine Abrundung der Produktpalette und steigende Aktienkurse an. Aber nicht immer erfüllen sich die Wünsche nach solchen Synergie-Effekten." [Foto: Seidler]