Analyse: Nach Konflikt Blair - Chirac: Briten setzen wieder auf Sonderweg

London will in der EU erneut auf variable Koalitionen setzen.

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chließlich stießen sie doch noch gemeinsam auf die neue Verfassung an: Tony Blair und Jacques Chirac gaben sich nach ihrem verbalen Gefecht am Ende des EU-Gipfels wieder versöhnlich. Doch der Konflikt, der bei der Debatte über den künftigen Kommissionspräsidenten offenkundig wurde, dürfte damit nicht bereinigt sein. Es sieht ganz danach aus, als ob Großbritannien nach einem kurzen Intermezzo der engen Kooperation mit Deutschland und Frankreich wieder zu seinem Sonderweg zurückkehrt.

"Wir suchen uns die Verbündeten jeweils nach Sachthemen aus", stellte Blair noch in Brüssel klar, als er von Journalisten auf die bisher enge Kooperation mit Paris und Berlin angesprochen wurde. Die Äußerung wurde als klare Abfuhr an Chirac und Schröder interpretiert. Zwischen den drei großen EU-Ländern ist die Stimmung abgekühlt. Als Chirac vergangene Woche dezidiert ausschloss, dass ein Brite EU-Kommissionspräsident werden könne, war Blair nicht mehr zu halten. "Du regierst nicht Europa", soll der britische Regierungschef in Richtung Chirac gezischt haben. Der Brite kritisierte offen, dass Paris und Berlin versuchten, die EU mit unlauteren Methoden zu beeinflussen.

Blair hatte lange vor dem EU-Gipfel durchklingen lassen, dass er eigentlich nichts gegen den deutsch-französischen Wunschkandidaten Guy Verhofstadt als Prodi-Nachfolger hätte. Doch in Brüssel setzte er sich, wie Delegationsmitglieder berichten, dann mit mehreren Amtskollegen - darunter auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel - zusammen, um Verhofstadt zu verhindern.

Der Konflikt um den künftigen Kommissionspräsidenten dürfte aber nur die Spitze eines politischen Eisbergs sein, der derzeit am Ärmelkanal - zwischen der britischen Insel und dem europäischen Festland - treibt. Die noch vor einigen Monaten demonstrierte Einigkeit zwischen Berlin, Paris und London ist Vergangenheit.

Sowohl Chirac als auch Schröder zeigten zuletzt wenig Verständnis für die innenpolitischen Probleme des Labour-Chefs. Sie übten harsche Kritik am angekündigten britischen Referendum zur EU-Verfassung. Für Verstimmung sorgte vor allem bei Chirac auch, dass die Briten bis zuletzt keinen Millimeter von ihren Verhandlungspositionen bei der EU-Verfassung abrückten. So verhinderte London in zahlreichen Kernfragen eine Mehrheitsentscheidung und eine Kompetenzerweiterung der Europäischen Union.

Experten erwarten, dass die Abkühlung zwischen der Achse Paris, Berlin und London Auswirkungen auf die Pläne für eine gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU haben werde. Ohne die Briten, die wichtigste Militärmacht Europas, ist nämlich hier keine gemeinsame Politik zu machen.

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