Der grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit war als Gastreferent der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Im "Presse"-Gespräch nahm er zum Umgang mit dem Islam und zum Türkei-Beitritt Stellung.
Die Presse: Europa ist - wenn man den noch immer starken Antisemitismus betrachtet - an seinem Umgang mit dem Judentum gescheitert. Ist unser Umgang mit dem Islam der nächste unüberwindbare Prüfstein?
Daniel Cohn-Bendit: Erstmal finde ich es falsch, dass ganz Europa am Umgang mit dem Judentum gescheitert ist. Der nationalsozialistische Antisemitismus hat sich, aus Deutschland und Österreich kommend, mit anderen Antisemitismen verbunden - etwa mit jenem in Frankreich oder mit dem christlichen Antisemitismus in Polen. Sie waren die barbarische Version des Umgangs mit den Juden in Europa. Interessanterweise hat beispielsweise die Türkei lange sogar dann Juden aufgenommen, wenn sie nirgendwo anders Aufnahme fanden.
Der Islam stellt uns in Europa natürlich vor riesige Herausforderungen. Der Islam verändert sich - im Bösen wie im Guten. Es gibt eine fundamentalistische, totalitäre Version des Islam, die versucht, Hegemonie auszuleben. Dagegen müssen wir uns wehren. Und es gibt einen Versuch, auch einen rationalen Islam in Europa aufzubauen. Und das müssen wir unterstützen. Natürlich wird es für uns ein Prüfstein sein, wie wir mit dem Islam umgehen.
Das Beispiel Niederlande - die Ermordung des Filmemachers Van Gogh - zeigt, dass Toleranz rasch in Intoleranz umschlagen kann, wenn eine Religion wie der Islam kritisiert wird. Heißt das, wir müssen uns mit Kritik zurückhalten?
Cohn-Bendit: Nein. Wir müssen einfach aufpassen. Wir müssen die Diskussion überall führen. Eine europäische Definition des Islam muss natürlich die Geschichte unserer Emanzipation - das heißt: die Kritik - akzeptieren. Wir müssen den Muslimen zeigen, dass sie hier akzeptiert sind. Wenn die Mehrheit der Einwanderer keine Aufstiegschancen hat, wenn sie weiter ausgegrenzt bleibt, dann entwickeln sie sich in eine Richtung, die gefährlich für uns ist.
Aber selbst die türkische Regierung sagt, dass es nicht nur eine Bring-, sondern auch eine Holschuld ist. Sie kritisiert ihre eigenen Leute in der EU, dass sie selbst zu wenig zu ihrer Integration beitragen.
Cohn-Bendit: Dieser Begriff "Bringschuld" bringt uns nicht weiter. Wir müssen versuchen, eine Gesellschaft aufzubauen, in der sich jeder anerkannt fühlt und deshalb auch das Gemeinsame anerkennen will. Mir greifen die Begriffe, die da in die Debatte geworfen werden, zu kurz: Etwa die Sprache. Der Mörder von Van Gogh konnte fließend Niederländisch, er hatte sogar die doppelte Staatsbürgerschaft, trotzdem ist er fundamentalistisch ausgeflippt. Wir haben es hier mit einer Gemengelage zu tun, für die es nicht einfache Antworten gibt.
In Ihrem Vortrag in der israelitischen Kultusgemeinde haben Sie den Türkei-Beitritt als Lösungsansatz für den Umgang mit dem Islam genannt.
Cohn-Bendit: Wir müssen klar machen, dass wir zwischen dem Kampf gegen den Terrorismus, dem Kampf gegen den Fundamentalismus und dem Umgang mit dem Islam unterscheiden. Das beschreib ich mit drei Dimensionen: Für den Iran bedeutet das die Unterstützung der Zivilgesellschaft. Zweite Dimension ist der palästinensische Staat. Und die dritte Dimension sind die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Wenn es uns gelingt, diese Verhandlungen zu eröffnen, könnten wir nach dem Wunder vom Rhein und dem Wunder von der Oder das Wunder vom Bosporus erleben. Die Türkei könnte nach zehn Jahren zu einem Mekka einer demokratischen, säkularen muslimischen Gesellschaft werden. Das wäre eine neue Dimension der Beziehungen zur islamischen Welt.
Verstehen Sie die Ängste, die in der europäischen Gesellschaft vor der Aufnahme der Türkei bestehen?
Cohn-Bendit: Ja. Es hängt damit zusammen, dass wir eine christliche Gesellschaft sind und mit einem Mal vor einer Veränderung stehen, die eine Verhärtung mit sich führen kann. Ich plädiere deshalb auch nicht für eine Aufnahme der Türkei. Ich plädiere für die Aufnahme von Verhandlungen, um in diesem Prozess auch die Ängste auflösen zu können.
Daniel Cohn-Bendit hat die Veranstaltungsreihe "Facing Israel" der israelitischen Kultusgemeinde eröffnet. Am 17. Jänner wird die Reihe mit einem Vortrag des französischen Wissenschaftlers Alian Finkielkraut fortgesetzt.