Auf beiden Seiten der deutsch-polnischen Grenze will am Vorabend der EU-Erweiterung keine Euphorie aufkommen.
BAD FREIENWALDE / MOHRIN. Es gab Zeiten, da galt Bad Freienwalde als mondän. Berlins Bourgeoisie schätzte außer Heilwasser und Moorpackungen vor allem den Chic des schmucken Kurorts an der Oder. In den 20er Jahren lockte es an sonnigen Wochenenden bis zu 3000 betuchte Hauptstadtbürger in den nahen Osten. Einen Weltkrieg und ein gescheitertes kommunistisches Experiment später strömen wieder hunderte Berliner nach - oder vielmehr: durch - Bad Freienwalde. Unterwegs sind nun nicht mehr elegante Sommerfrischler in cremefarbenen Anzügen, sondern gnadenlose Schnäppchenjäger in Trainingshosen, die sich ihren Weg zur polnischen Grenze stauen, weil gleich dahinter, auf dem Gelände einer ehemaligen Papierfabrik, ihr Einkaufsparadies auf sie wartet: das Oder Center Berlin.
Hier gibt es alles, nur billiger: Käse, Schuhe, Unterhosen, "Der letzte Samurai" auf DVD, Plastikbambis, Frisuren für vier Euro, Boote, Grillkohle und immer wieder Türme von Zigaretten, acht bis 14 Euro die Stange. Zwischen den Ständen, fast 700 insgesamt, züngeln kleine Rauchschwaden empor. Man reicht Schaschlik und Bratwurst zur Stärkung.
Feinspitze dringen ein paar Kilometer weiter auf polnisches Gebiet vor, nach Zehden in die Restauracija Relax, um sich in einem mit Plastikblumen verzierten, Garage-ähnlichen Etablissement an einem "Shnitzel" mit Spiegelei zu laben. "Das macht sich doch bezahlt", ruft der Rentner am Nachbartisch freudig erregt. "Statt 1,14 nur 80 Cent für den Liter Benzin. Das macht sich doch bezahlt."
90 Prozent der Gäste, die Tomasz Burchardt bewirtet, sind Deutsche. Seine gastronomische Dunkelkammer ist gut besucht, die Chefköchin wirft ein Schnitzel nach dem anderen ins brutzelnde Fett. Ihr Monatsgehalt: 250 Euro. Das sei um 100 Euro mehr als das durchschnittliche Einkommen, rechnet Burchardt, 38 und Magister der Ökonomie, vor. Vom EU-Beitritt Polens erwartet er kaum Auswirkungen auf sein Geschäft, das außer dem Beisl noch zwei Pensionen umfasst. "Das ist egal für mein Business", sagt er. Von Euphorie ist wenige Tage vor der EU-Erweiterung auf beiden Seiten der Grenze nichts zu bemerken. Denn an der Oder stehen einander Arbeitslosenheere gegenüber.
Wenn die Feuerwerksraketen am 1. Mai pflichtschuldig abgeschossen sind, öffnet wieder der Alltag seine Arme. Eine triste Aussicht. "Am 2. Mai wird nicht viel anders sein", meint Ralf Lehmann. Vierzehn Jahre nach dem Ende der DDR hat sich der parteilose Bürgermeister von Bad Freienwalde abgewöhnt, an Wunder zu glauben. Über 30 Prozent beträgt die Arbeitslosigkeit in seiner Gemeinde.
"Die Polen überrennen uns. Wir haben schon jetzt genug Arbeitslose." Marina würde den EU-Beitritt Polens verhindern, wenn sie es könnte. Die 43-Jährige ist seit Jänner selbst arbeitslos. Früher hat sie im Stall gearbeitet und Kühe gemolken. Andere schließen sich ihrer Meinung an, auch wenn sie einen Job haben. Und alle fahren sie regelmäßig über die Grenze, um billig zu tanken und einzukaufen. "Das ist unser Glück. Sonst wäre alles noch schlechter", sagte eine stämmige 45-jährige Verkäuferin, die als Aushilfskraft in einem vietnamesischen Textilgeschäft arbeitet. Und deshalb bedauert sie auch nicht, dass sich die Grenzen zu Polen nun noch weiter öffnen als bisher. Eine Minderheitenmeinung. Denn das Sortiment an Vorurteilen gegen die östlichen Nachbarn ist reichhaltig. "Die nehmen ganz gern aus Versehen Autos mit", ist da schon mal zu hören.
Michael Seidler, 42, Vorstandsmitglied der von der EU geförderten "Deutsch-polnischen Regionalentwicklung", versucht solche Ängste zu zerstreuen. Klar, es sei anzunehmen, dass nun polnische Handwerker vermehrt ihre Dienste anböten, meint er. Doch es komme immer noch auf die Qualität an. Und bei der Obsternte und anderen mäßig bezahlten Arbeiten würden Polen eben zum Zug kommen, solange sich Deutsche zu gut dafür seien. Doch zu einer Völkerwanderung werde es nicht kommen, erklärt Seidler. Er und Bürgermeister Lehmann setzen ihre Hoffnung auf den Tourismus.
Sie hoffen auf ein vergrößertes "Vermarktungsgebiet", das sich durch Zusammenarbeit mit Anbietern jenseits der Oder ergebe. Einer ihrer Kooperationspartner ist Jan Maranda, der am Plac Wolnosci in einem gedrungenen erdfarbenen Haus residiert. Das ist das Rathaus von Mohrin, einem Städtchen mit mittelalterlichen Wurzeln, das sich an einen beschaulichen, kleinen See schmiegt. So wie Bad Freienwalde war Mohrin in den 20er Jahren, damals noch zu Deutschland gehörend, als Luftkurort bekannt. Diese Vergangenheit will Maranda nun wieder aufleben lassen, um die Arbeitslosigkeit in seiner Gemeinde - 26 Prozent - zu bekämpfen. "Das ist unsere Chance für morgen."