Der türkische Premier Erdogan führte im Vorfeld des EU-Gipfels mit dem Thema Türkei Verhandlungen mit den wichtigsten Akteuren wie Frankreichs Präsident Chirac oder Deutschlands Bundeskanzler Schröder.
Brüssel. Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan wollte nichts dem Zufall überlassen. Noch in den letzten Stunden vor Beginn des EU-Gipfeltreffens mit dem Thema Beitrittsverhandlungen mit der Türkei nutzte er sein Netzwerk in Europa. Er traf mit Italiens Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi in einem Brüsseler Hotel zusammen und nahm mit dem britischen Premier Tony Blair - ebenfalls ein Verfechter des türkischen Vollbeitritts - telefonisch Kontakt auf. "Bis Freitag Früh werden wir nicht schlafen", kündigte Erdogan an.
Der türkische Regierungschef wollte zu allen Schlüsselpersonen der Verhandlungen noch Kontakt aufnehmen. Zum einem war dies der französische Staatspräsident Jacques Chirac, der in Brüssel eine Gratwanderung zwischen seiner eigenen Pro-Türkei-Haltung und der Türkei-skeptischen Linie seiner Partei finden musste. Auch der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder spielte eine zentrale Rolle im Beitritts-Poker. Er unterstützte zwar ebenfalls klar den Vollbeitritt der Türkei, musste aber aus innenpolitischen Gründen für eine Beschränkung der Freizügigkeit türkischer Arbeitnehmer eintreten. Eine Bedingung, die von türkischer Seite bisher immer als "unannehmbar" bezeichnet wurde. Erdogan quartierte sich sicherheitshalber gleich im selben Hotel wie der deutsche Bundeskanzler und der französische Staatspräsident ein: im Brüsseler "Konrad".
Auf der Pro-Türkei-Seite war Erdogans zentraler Gesprächspartner, der griechische Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis. Der Athener Regierungschef, der immer einen Türkei-Beitritt unterstützt hatte, versuchte bis zuletzt, einen Kompromiss zu finden. Karamanlis musste hier aber auch auf die Interessen der zypriotischen Führung in Nikosia Rücksicht nehmen, die einen Schritt in Richtung Anerkennung ihrer Republik durch die Türkei forderte.
Auf der Türkei-skeptischen Seite blieb indessen Österreichs Bundeskanzler Wolfgang Schüssel in seiner Koordinator-Funktion der Europäischen Volkspartei mit seinen Forderungen allein. "Ganz verstehe ich ja nicht, warum er sich das aufhalst", hieß es in österreichischen diplomatischen Kreisen. Der Druck auf Schüssel kam nicht nur aus der Türkei-skeptischen Heimat, sondern auch aus Deutschland. Die oppositionelle CDU-Führung hatte kein Hehl daraus gemacht, dass sie auf das Verhandlungsgeschick des österreichischen Bundeskanzlers setzt, um doch noch ein Alternativszenario zum türkischen Vollbeitritt zu erwirken. "Wir wollen ein offenes Ende des Verhandlungsprozesses, Optionen zum Vollbeitritt", sagte der deutsche Europaabgeordnete Elmar Brok (CDU) noch am Donnerstag gegenüber der "Presse". Vor allem aber solle Schüssel durchsetzen, dass bei der Freizügigkeit türkischer Arbeitnehmer eine permanente Beschränkung möglich werde.
Um einen Kompromiss bemühte sich indessen der niederländische Ministerpräsident und derzeitige EU-Ratsvorsitzende Jan Peter Balkenende. Der als Türkei-freundlich geltende Politiker versuchte noch im Laufe des Donnerstags, Kompromissvarianten auszuloten. Auf Hilfeleistung von außen verzichtete Erdogan diesmal. Schon im Vorfeld des Gipfels war zu vernehmen, dass vor allem eine Einflussnahme der USA diesmal für die türkischen Interessen kontraproduktiv wäre.