EU: Reibereien um Prodi-Nachfolge

Bei der Nominierung des künftigen EU-Kommissionspräsidenten gingen in Brüssel die Emotionen hoch.

Brüssel. "Du regierst nicht Europa", zischte Tony Blair in Richtung Jacques Chirac. Der britische Premierminister und der französische Staatspräsident Jacques Chirac kamen sich beim EU-Gipfel ordentlich in die Haare. Der Grund waren Meinungsverschiedenheiten bei der Bestellung des neuen EU-Kommissionspräsidenten. Auch gegen den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder wetterte der nach den EU-Wahlen sichtlich nervöse britische Regierungschef. Schröder habe versucht, Personal- und Verfassungsfragen zu vermengen, beschwerte sich Blairs Pressesprecher am Rande des Gipfels.

Chirac und Schröder hatten versucht, ihren Kandidaten, den belgischen Regierungschef Guy Verhofstadt, beim EU-Gipfel in Brüssel gegen den Willen zahlreicher Amtskollegen durchzubringen - mit nicht immer feinen Methoden. So ließ Chirac noch vor der offiziellen Nennung eines Gegenkandidaten wissen, dass sicher kein anderer Politiker in Frage komme, schon gar keiner aus einem Land, das nicht am Euro teilnehme. Blair, dessen Land bei der Währungsunion eine Außenseiterrolle spielt, konterte scharf: "Wir arbeiten in einem Europa der 25, nicht der sechs, zwei oder eines Einzigen."

Der Labour-Chef unterstützte seinen Landsmann, den Kandidaten der Europäischen Volkspartei (EVP), Chris Patten. Der ehemalige Hongkong-Gouverneur und EU-Kommissar gilt als moderater Konservativer und als einer der wenigen deklarierten EU-Befürworter unter den britischen Tories. Wie aus Delegationskreisen zu vernehmen war, schienen am Freitag Nachmittag aber weder Verhofstadt noch Patten mehrheitsfähig.

Verhofstadt wurde von zahlreichen Ländern, darunter Großbritannien, Österreich, Italien, Portugal und der Slowakei abgelehnt. Gegen den bisherigen EU-Außenkommissar Patten wetterte vor allem Frankreichs Präsident Chirac. Noch im Rennen waren bis zuletzt der irische Premier Bertie Ahern, der portugiesische Ministerpräsident Durao Barroso, der französische Außenminister Michel Barnier und Österreichs Bundeskanzler Wolfgang Schüssel.

Intensiv wurde aber nach weiteren Kandidaten gesucht. Der Wunschkandidat der meisten EU-Regierungen blieb auch am Freitag der Luxemburger Premier Jean-Claude Juncker. So wurde spekuliert, ob es seinetwegen sogar zu einer Verschiebung der Entscheidung kommen könnte. Die kommenden zwei Wochen sollten dafür genutzt werden, den allseits beliebten Luxemburger doch noch zu einem Jobwechsel zu bewegen, hieß es. Juncker hatte mehrfach abgelehnt.

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