Zwischen Koffern und Stühlen - EU-Abgeordnete im Härtetest. Europaabgeordnete führen ein eigenartiges Leben. Es ist abseits der Heimat und doch im Zentrum der politischen Entscheidungen.
Die Spesendebatte ist nicht alles. Oder wie es FP-Spitzenkandidat Hans Kronberger sagt: "Wer aus finanziellen Erwägungen in die Politik geht, ist entweder auf dem falschen Dampfer oder nahe am Sozialfall." Wer ist schon ein politischer Kopf, ein perfekter Technokrat und auch noch von einer möglichst grenzenlosen Verfügbarkeit und Bescheidenheit? Und doch müsste ein Kandidat für den Posten eines EU-Parlamentariers wohl all diese Eigenschaften mitbringen, um den vielfältigen Herausforderungen des Amtes voll gewachsen zu sein. Der Spagat zwischen der politischen Parallelwelt des EU-Parlaments in Brüssel und Straßburg und den österreichischen Realitäten ist wenig komfortabel.
Wer in Europas gesetzgebendem Organ volle Arbeit leistet, etwa als Berichterstatter oder Autor von Stellungnahmen, wenn es gilt, Richtlinienvorschläge in zäher Kompromissarbeit durch die Fraktion, die Ausschüsse und schließlich durchs Plenum zu bringen, hat schon einen Fulltime-Job. Der bedeutet nicht nur einen langen Arbeitstag, sondern oft auch einen zusätzlichen Stressfaktor als Puffer zahlreicher Interessen.
Die meisten österreichischen Abgeordneten waren in der vergangenen Parlamentsperiode fast ständig zwischen mehreren Orten in der EU unterwegs. Das Leben aus dem Koffer erlebten sie nicht gerade als Privileg. "Manchmal ist man sehr eingesetzt und dann plötzlich ganz einsam", weiß etwa die VP-Abgeordnete Agnes Schierhuber. Ein Familienleben abseits der europäischen Arbeit ist kaum möglich.
Neben all der Reisetätigkeit kommt nämlich dazu, dass EU-Abgeordnete auch dem Mandat ihrer Wähler entsprechen sollen. Von ihnen wird verlangt, den Kontakt zur Basis nicht zu verlieren. Immerhin sollen sie in Brüssel und Straßburg auch spezielle österreichische Interessen vertreten. Eine Runde durch ihr Bundesland gehört deshalb regelmäßig zu ihren Aufgaben.
Die aktivsten Europaparlamentarier sind daher selten die prominentesten. Othmar Karas, Reinhard Rack oder Paul Rübig von der ÖVP-Riege sind dafür ebenso Beispiele wie Herbert Bösch und Maria Berger von der SPÖ oder Hans Kronberger von der FPÖ, Johannes Voggenhuber von den Grünen.
Nicht alle heimischen Abgeordneten haben die Herausforderung gemeistert. Manche gaben schlicht auf oder erfüllten einen Teil ihrer schweren Aufgabe nur mangelhaft. So konzentrierte sich der ehemalige SP-Spitzenkandidat Hans-Peter Martin statt auf die Parlamentsarbeit bald nur noch auf seine Aufdecker-Recherchen. Peter Sichrovsky verabschiedete sich nicht nur von der FPÖ, sondern offenbar auch vom Europaparlament.
Dennoch, insgesamt fällt die Bilanz der österreichischen Abgeordneten positiv aus.
Die Bewertungen wurden von den "Presse"-Korrespondenten Reinhold Smonig und Andreas Schnauder sowie vom Leiter des EU-Ressorts Wolfgang Böhm abgegeben.