Meinung: Freud und Leid des Kunst-Events

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in blondes Mädchen in imperialer Pose mit Fächer: Das ist die "Infan tin Margarita Teresa in rosafarbenem Kleid" aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum. Ob sie im stillen Saal manchmal an ihren großen Auftritt denkt, damals in den Achtzigerjahren im Metropolitan Museum New York, wo sich bei einer Velázquez-Schau schätzungsweise 30 Menschen vor ihrem Abbild drängten?

Über eine Million Besucher verzeichnet die Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, die am Sonntag schließt. Ein Hit sondergleichen. Fünf Stunden Wartezeit, Übernachten in Schlafsäcken, Betrug mit Tickets . . .

Was treibt die Menschen derart scharenweise zur Kunst? Nun: Die klassische Moderne - die MoMA-Schau zeigt u. a. Picasso, Matisse, Van Gogh, Gauguin - lockt noch immer, ebenso der Name des Museums. Das Berliner Gastspiel wurde durch den Umbau des New Yorker Stammhauses ermöglicht. Man hat also das Gefühl bei etwas ganz Seltenem dabei zu sein, weiß auch, dass wertvolle Bilder immer weniger reisen dürfen. Marketing spielt eine Rolle. Ab einem gewissen Punkt ist so ein Ereignis ein Selbstläufer, ein gesellschaftliches Ereignis, ein "Must".

Freilich: So ein Hype hat auch seine Schattenseiten. Die Eintrittskarten in Berlin kosten 10 €, reservierte Tickets gar 27 €. Es ist schön, dass Originale immer noch derart ziehen in einer Zeit, da sie von Reproduktionen nicht selten überstrahlt zu werden scheinen. Nur, ist es noch ein Kunstgenuss mit 50 Menschen vor einem Gemälde zu stehen? Oder hat das den Charakter von TV: Bilderflut in hoffentlich netter Gesellschaft.

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roße Kunst-Namen bringen viele Besucher. Gut. Nur ziehen sie auch welche ab, von den bestehenden Museen, die sich ihrerseits auf (Groß-)Ausstellungen verlegen, um im Verdrängungswettbewerb zu bestehen, während kleinere Häuser ins Abseits geraten. Die Sicherheit ist nicht mehr gewährleistet - wie man in letzter Zeit auch sah. Bei Groß-Veranstaltungen ja, da kommt nicht so leicht etwas weg. Doch sobald die Schätze wieder an ihrem angestammten Ort sind, schaut es anders aus, denn es ist eben nicht möglich, alles rund um die Uhr zu bewachen.

So zahlen die Kunst-Institute ihren Preis: Sie haben sich geöffnet, sie wurden renoviert, es gab Neu- und Umbauten, bessere Infrastruktur. Dafür müssen sie sich jetzt aber auch um viel mehr kümmern - und mehr bangen als früher, als sie noch im elfenbeinernen Turm waren: um Geld, Profilierung, Sicherheit.

barbara.petsch@diepresse.com

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