Meinung: Das Militär und die Gewalt

N
un also auch das österreichische Bundesheer: Kaum erträgliche Bilder, die Kapuzen in Freistadt erinnern fatal an die in Abu Ghraib, dort allerdings wurde der Gegner misshandelt, hier, wenn man seinen Augen trauen kann, der eigene Kamerad. Eine Woche vorher war Ähnliches aus Deutschland zu vernehmen, bald traten altgediente Generale mit treuherziger Entrüstung vor die Kameras, so etwas hätten sie noch nie erlebt, die Verrohung könne nur an den zunehmenden Auslandseinsätzen liegen.

Na ja. Ganz so rasch sollte das Verdrängen nicht arbeiten, Misshandlungen hat es immer gegeben - falls Sie sich nicht erinnern, erzähle ich Ihnen gerne von meinem Zugführer, einem Leutnant S., der degradiert worden war, weil er Rekruten die Füße ins Feuer gehalten hatte -, und exotische Erklärungen braucht es nicht: Das Militär ist eine Institution, die nach außen auf Gewalt ausgerichtet ist - dafür ist sie schließlich da, auch bei friedenserhaltenden Missionen - und deren Mitglieder nicht gleich und frei sind, sondern alle in der gleichen Unfreiheit gefangen, der des Befehls, der durchläuft vom Oberkommandierenden bis zum Gefreiten. Der Friedensforscher Johan Galtung hat das unter "strukturelle Gewalt" eingereiht, Elias Canetti hat davor gewarnt, dass "Befehlsstacheln" böse Wirkungen entfalten können, wenn der, der sie einstecken musste, in eine Position rückt, auf der er sie austeilen kann.

Die Kette von Befehl und Gehorsam ist ein ganz unpersönlicher Mechanismus - symbolisiert in der Uni-Form -, aber er trifft auf Personen, vorrangig Männer, junge Männer, starke, hungrige, kasernierte. Und beim Betreten des Kasernenhofs wird nicht nur die Persönlichkeit und die Eigenständigkeit abgelegt, sondern auch die Sexualität, wenigstens die zwischen den Geschlechtern, die leerlaufende Energie schlägt leicht in Aggression um. Bewältigungsmechanismen gibt es kaum, Ich und Über-Ich werden ja weithin durch den Befehl ersetzt. Und das Denken möge man den Pferden überlassen, jeder Gediente kennt das.

E
s schallt dem Rekruten vornehm lich mit geballter Lautstärke ins Ohr, auch das gehört dazu, Exerzieren ist keine Meditation, und Ruhe gibt es nie, zu jeder Nachtstunde kann der Alarm kommen oder der Ausbilder, eine Kaserne steht permanent unter Spannung. Die Nerven liegen blank, man muss schon ein kräftiges Gemüt mitbringen. Das braucht man auch dann, wenn man plötzlich das Sagen hat - vielleicht über Ältere, vielleicht über im Zivilleben Erfolgreichere - und leicht in Versuchung kommt.

Ihr nachzugeben, davor ist niemand gefeit. Jede Selbstgerechtigkeit ist trügerisch, das hat das "Stanford Prison Experiment" gezeigt, in dem Psychologie-Studenten 1971 eine Gefängnis-Situation simulierten. Die, die das Los der Wärter gezogen hatten, verwandelten sich so rasch in Quäler, dass das Experiment abgebrochen werden musste. Aber Institutionen kann man, aller Bertha von Suttner zum Trotz, nicht einfach abbrechen.

juergen.langenbach@diepresse.com

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