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er ein Wild erlegt hat, posiert mit der Beute, man kennt es von harmlosen Anglern und Furcht erregenden Großwildjägern. Und man kennt es von Menschenjägern: Wer einen ganz Großen erlegt hat oder auch viele Kleine, inszeniert den Triumph, Achill schleifte Hektors Leiche um Troja, viele Naturvölker tragen abgeschnittene Schädel oder Haare mit sich herum, und herzlich lachte der österreichische Landser in die Kamera, wenn er im Ersten Weltkrieg unter Bäumen Stellung nahm, an denen die erhängten Serben noch zappelten.
Darin zeigte sich der Fortschritt von der primitiven zur modernen Menschheit: "In Wildbeuter- und Bodenbau-Gesellschaften kämpfen meistens sehr wenige Menschen gegeneinander", erklärt Ethnologe Andre Gingrich (Uni Wien): "Der symbolische Skalp oder Schrumpfkopf dient der Übertragung der Energie eines geachteten und getöteten Gegners auf die Sieger. Während also bei den so genannten Primitiven die Achtung vor dem Gegner über dessen Tod hinaus wirksam ist" - und wohl auch Achill Hektor eine letzte Ehre erwies -, "gewann später der Wunsch nach völliger Erniedrigung des Feindes die Oberhand: Er soll entwürdigt und moralisch zerstört werden."
Auch mit Bildern; moderne Propaganda zeigt den Feind in grellem Licht oft so, als wäre er kein Mensch und vor der Schlacht schon tot. Aber dass nun die Inkarnationen der Dunkelheit - der der Außenwelt wie der der Psyche -, dass nun also Folterkeller taghell ausgeleuchtet werden, damit im Familienalbum kein Schamhaar des Opfers fehle, hat doch eine neue Qualität der Barbarei, ein Wort wie obszön ist zu kraftlos, um das comic-hafte Grinsen der Folterer und Folterinnen zu beschreiben. Warum tun sie das, was alle anderen sich verboten hatten? Gefoltert wurde in jedem Krieg, aber nicht einmal die KZ-Wärter nahmen die Kameras mit.
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ielleicht tun sie es, weil die frühe ren Bilder tabuisiert sind. Wenn es eine Verbindung zwischen Vietnam und dem Irak gibt, dann ist es die des Bilderverbots: Vietnam ging nicht zuletzt vor den TV-Schirmen in den USA verloren, wo allabendlich zur Prime Time brennende und zerstückelte Leiber den Appetit verdarben. Das Militär hat daraus gelernt, der Krieg findet ohne Leichen statt, klinisch wird er geschlagen, der Feind, klandestin wird er bestattet, der Freund, nicht einmal die Särge sollen mehr öffentlich daran erinnern.
Aber auch Soldaten brauchen Erinnerung, und wenn keine Wochenschau-Profis mehr unterwegs sind, legen eben Amateure die eine Waffe aus der Hand und schießen mit der anderen - die Metapher für das Fotografieren kommt nicht von ungefähr -, am besten dort, wo keine Gefahr droht, weil der Gegner nackt und gebrochen ist. Das ist ein eher billiges Vergnügen, viel Lust kann es nicht abwerfen. Vielleicht geht es um mehr, vielleicht zeigt sich im bestialischen Vexierbild ein Rest von Mensch, ein nicht hintergehbarer Geständniszwang.
juergen.langenbach@diepresse.com