Meinung: Was Theatermacher wirklich bewegt

Dienen manche Festivals am Ende nur der Geldbeschaffung und der Selbstverwirklichung?

In der neuesten Ausgabe der deutschen Fachzeitschrift Theater heute kann man allerlei Ungeschminktes über Festivals lesen - in einem Interview mit Regisseur Frank Castorf und Festwochen-Schauspiel-Chefin Marie Zimmermann. Castorf, seit zwölf Jahren Direktor der Berliner Volksbühne, wurde nach nur einer Spielzeit bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen abgesetzt - wegen Besucherschwunds. Als sein Nachfolger wird Frank-Patrick Steckel gehandelt.

Zimmermann programmiert 2005 das Stuttgarter Festival "Theater der Welt" und ist dafür in Wien karenziert. Gleichzeitig wird sie als künftige Leiterin des Berliner Deutschen Theaters genannt.

Was haben die beiden "alten Theater-Hasen" denn nun so zu erzählen? Zimmermann erläutert, warum Luc Bondy in Wien Festwochen-Intendant wurde: "Er sagte mir, er brauche eine Adresse, wo er nicht untertänigst ankratzen muss, ob er inszenieren dürfe. Meine nächste Frage war, ob ich den Rest übernehmen soll. Da hat er ja gesagt, und ich auch."

Na so was. Die Festwochen, sagt Zimmermann ferner, hätten "mit 35 Prozent einen der höchsten, vielleicht den höchsten Eigenfinanzierungsanteil europäischer Festivals". Wie gibt's das, wenn die Salzburger Festspiele auf über 70 Prozent kommen? Staunend liest man weiter: Nachdem Castorf die letzten Jahre regelmäßiger Regie-Gast der Wiener Festwochen war, hat er als Leiter in Recklinghausen Luc Bondy eingeladen. Schieben sich die Intendanten gegenseitig die Produktionsgelder zu? "Castorf (charmant lächelnd): ,Die Vermutung ist richtig.'"

N
icht richtig hingegen sei, so der Alt-Provokateur, dass er das Pu blikum der bisher höchst erfolgreichen Ruhrfestspiele vergrault habe, das sei eine Intrige des Veranstalters Gewerkschaft (DGB) gewesen, die ihre Leute nicht geschickt hätten wie früher. Aber Frank! Wir sind nicht mehr in der DDR! Doch, sagt Frank, die Verhältnisse sind ähnlich. Tatsächlich? Castorf ist jedenfalls verdrossen. Fad war ihm an der Volksbühne. Den "Ruhrpottern" wollte er sein wildes Theater bringen, und die sagten sich: "Stell Dir vor, es ist Castorf, und wir gehen nicht hin!" Da hört sich alles auf. "Wo ich hinkomme, mache ich, was mir Spaß macht", sagt er noch und: "Ich will die Leute nicht bedienen."

Ja, genau das ist ein Problem des ach so kunstreichen Theaters heute: Das Publikum ist vielen seiner Verantwortlichen wurscht, das Wichtigste sind ihnen Selbstverwirklichung und die Gagen. Wie sagt Thomas Bernhards Theatermacher so schön? "Als ob ich es geahnt hätte!"

barbara.petsch@diepresse.com

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