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ch, was ich die Kollegen beneide, die hier seit Wochenbeginn ihre Lesefreuden in Geschenk-Empfehlungen für den Gabentisch umsetzen dürfen! Bleischwere Folianten schleppt der eine daher, Ratten könnte man damit erschlagen oder, wenn man erstens keine im Hause hat und zweitens ein eher friedliebendes Gemüt ist, Blüten und Blätter könnte man darin pressen, für die Weihnachtskarten im nächsten Jahr. Luftige, flüchtige Taschenbücher hat der andere im Sinn, wieder und wieder zu Hand und Kopf genommen, bis die Seiten entflattern und sich ganze Sätze davongemacht haben unter den hingekritzelten Kommentaren ("Hört, hört!") oder dem Sonnenöl im Schwimmbad oder gar dem Wasser, in das sie der ermüdeten Leserhand entglitten sind.
"Meine Sorgen möcht' ich haben!", sagte der alte Rothschild, und die Wiener Kaffeehausliteraten nahmen es dankbar auf. "Das bisschen, was ich noch lese, schreibe ich mir selbst", wird aus den Zwanzigerjahren überliefert, und das war schon damals nicht nur Koketterie. Inzwischen kann kein Mensch, selbst wenn er diverse Schnell- und Querlesekurse absolviert, der Springflut der Lettern mehr folgen. Auch der Paralleleinsatz von entziffertem und vorgelesenem Wort ("Hörbuch") hilft kaum weiter, wir brauchen Vorkauer. Aber die einen tun zu viel, die Buchbeilagen der gehobenen Feuilletons sind dicker als manche Bibliotheken. Und die anderen tun zu wenig, selbst Reich-Ranicki fallen die Augen zu über seinem Kanon - erinnern Sie sich noch an den Spaß mit den hundert wichtigsten deutschsprachigen Büchern aller Zeiten, die man nur gefressen haben muss, um in der gebildeten Welt etwas zu gelten? -, er gießt allenfalls noch Gift und Galle über seine Lieblingsfeindinnen, und das ist dann doch weniger geeignet für das Fest der Liebe.
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ber der Leser wartet, eine Empfeh lung muss sein, drängt der Feuille tonchef den Wissenschaftsschreiber - für den das Wort "Literatur" längst eine absurd verzogene Bedeutung angenommen hat: "Literatur", das sind die Wissenschaftsjournale -, sie kommt auch schon, kann aber nur auf guten Verdacht abgegeben werden: Kauft den "Schiller" vom Safranski, der Mann ist zuverlässig und seit Jahren der Beste im Genre, ich lese ihn irgendwann schon auch, inzwischen müssen seine früheren Philosophen-Portraits bürgen! Und kauft endlich den Lichtenberg - den, in dem steht, wie man den Kauf finanziert: "Wer zwei Paar Hosen hat, der mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an!"
juergen.langenbach@diepresse.com