Meinung: Bert Brecht und die Nachkommen

U
nd der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht", die sen reizenden Nonsens-Reim aus Brechts "Dreigroschenoper" trällert man ab heute wieder auf der Bühne des Wiener Josefstädter Theaters. 2006 werden nicht nur Mozart und Freud gefeiert, es wird auch Brechts 50. Todestages gedacht.

Brecht, der deutsche Klassiker des 20. Jahrhunderts, kanonisiert - wie hat er die Nachwelt geprägt? Oder sind TV, Multimedia, (Sit-)Comedy, das angelsächsische Well made play die dominanten Größen für heutige Stückeschreiber?

Nun, eines ist sicher, ihrer gibt es genug, so viele wie lang nicht, hat man den Eindruck. Fast eine Inflation. Das Burgtheater setzt zum Saisonstart gleich zwei neue Dramen an: im Akademietheater Roland Schimmelpfennigs "Die Frau von früher", ein Auftragswerk, eine Uraufführung, und im Vestibül von Ulrich Hub, ebenfalls ein deutscher Autor, "Imago" - beides "Beziehungskisten".

Diese sind stark in Mode bei jüngeren Dramatikern. Das Private steht im Vordergrund, ob man nun Sarah Kane her nimmt, Yasmina Reza ("Drei Mal Leben") oder Neil LaBute ("Bash", "Das Maß der Dinge"). Aus der Perspektive des Persönlichen wird der Irrsinn der Welt aufgerollt, das weltanschaulich Politische ist präsent, aber nicht als Agitprop. Das Bewusstsein bestimmt das Sein - nicht das Sein das Bewusstsein - während für Brecht, seiner Zeit gemäß, die Verhältnisse der Angelpunkt für Attacken waren.

I
m Bogen von Brecht zu den Heutigen spiegelt sich die Abwendung der Ge sellschaft von Ideologie und ideologischen Lösungen, Vorschlägen, Utopien wider hin zur Rückkehr in die Familien-, Zweier- oder gleich in die Gummi-Zelle, was mitunter das gleiche ist. Das absurde Theater wetterleuchtet in den neuen Stücken eher als die politische Vision, die Chaostheorie eher als die These - und die postmoderne Zitier-Freudigkeit eher als der radikal sprach-experimentelle Zugriff von Autoren wie Franzobel oder Werner Schwab. Dieser sprach-experimentelle Fluss scheint nach einem Höhenflug in den letzten Jahrzehnten - getragen gerade von heimischen Autoren - derzeit abzuebben.

"Global" vertreibbar, also allgemein verständlich, lakonisch, funktionell und sparsam in der Realisierung, so wirken viele neue Dramen - wie Balladen, Moritaten, in starken Farben und Kontrasten. Und da berühren sie sich ja doch wieder zart mit Brecht, die neuen Autoren.

barbara.petsch@diepresse.com

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