Meinung: "Der Waldschrat soll sie alle holen!"

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atürlich werde ich kein Stück schreiben. Ich habe nicht das Ge ringste zu tun weder mit den Theatern noch mit der Menschheit. Der Waldschrat soll sie alle holen!", schwor Anton Tschechow, setzte sich hin und schrieb ein Drama nach dem anderen. Tragik und Skurrilitäten seiner Zeit barg er darin - und jene seines eigenen Lebens, das zu einer Hälfte aus Darben, Schlägen, Lohn-Schriftstellerei bestand und zur anderen aus Krankheit; Tuberkulose, die er verdrängte und an der er vor 100 Jahren (am 15. 7. 1904) nur 44-jährig gestorben ist.

Wie Schnitzler war er Arzt und Autor, das eine Metier seine Ehefrau, das andere seine Geliebte. Wie Schnitzler wuchs er aus einer alten Großmacht am Rande des Zusammenbruchs. Wie Schnitzler war ihm das Vage, das Schwanken des modernen Menschen eigen, Rastlosigkeit, Skepsis: "Ich bin kein Liberaler, kein Konservativer, kein Reform-Anhänger, kein Mönch, kein Indifferenter. Ich möchte ein freier Künstler sein", schrieb er. Tschechow stand im Schatten großer, mystischer Visionäre wie Dostojewski, Tolstoi. Er war überzeugt, dass sein Werk bald vergessen sein werde. Das moderne Theater aber liebt ihn. Immer weiter hinaufgewandert ist er in die Elite. Wer auf sich hält, inszeniert Tschechow, ob Zadek, Bondy, Stein, Flimm, Leander Haußmann oder Andrea Breth, die diese Saison am Burgtheater den "Kirschgarten" herausbringt.

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as lockt so sehr an Tschechow? Die Komik, die Bewegung im Stillstand; Träume, Illusionen, die wichtiger sind als die Realität. Tschechows Figuren kommen nicht vom Fleck. Die Langeweile ist denn auch der schlimmste Feind von Tschechow-Aufführungen, die weniger von schöner Sprache, Bonmots leben als von Geschichten und dem stillen Fluss der Katastrophen. Tschechow-Stücke haben keine kleinen, nur "große" Rollen, jeder Charakter ist expansiv angelegt.

Das erzählerische Werk ist leider weniger bekannt als das dramatische. Einiges wurde zum Todestag neu übersetzt oder neu aufgelegt (etwa bei Artemis & Winkler) - und scheint das Bild vom noblen, zurückhaltenden Tschechow, das uns zumeist auf dem Theater entgegentritt, zu korrigieren. So gäbe es vielleicht auch dort noch einen neuen Tschechow-Stil zu entdecken - der nicht notwendig laut, bunt, provokant sein muss.

barbara.petsch@diepresse.com

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