Meinung: Das gefährliche Theater-Trotzdem

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nszenierungen wie frisch aus dem Gefrierfach, gefertigt von jungen, wurstigen Regisseuren, die den alten Plunder meist total uncool finden, warum inszenieren sie ihn dann überhaupt? Fragt der Leser. Gutes Stück, meint die Leserin, aber was ist das für eine Ziege von Ehefrau, die ihrem Mann nach 19 Jahren Ehe eine frühere Liebesaffäre vorhält? Es ging um "Die Frau von früher" von Roland Schimmelpfennig im Akademietheater.

Wenn man zum Saisonauftakt als Kritiker insgesamt an die 20 Stunden im Theater sitzt - und hernach grübelnd am Schreibtisch - dann freut man sich doch immer wieder, dass es in diesen Zeiten, wo die Bühnenkunst von den vielen anderen Kultur-Veranstaltungen an die Wand gedrückt zu werden droht, noch Menschen gibt, die sie so leidenschaftlich verfolgen wie man selber.

"Interessant inszenieren ist leicht, gut inszenieren ist schwer", meinte der frühere Direktor der Wiener Volksoper, Franz Salmhofer (1900-1975). Wie wahr. Das Interessante wird nur geschätzt, wenn es auch gut ist. Da kann der Tribut an die Moderne noch so spektakulär und einfallsreich ausfallen. Wenn Bilder und Worte unverständlich sind - manchmal fällt gar beides zusammen - bleiben Besucher ratlos, verärgert zurück. Und da das öfter vorkommt, gehen nicht wenige Menschen "trotzdem" ins Theater - weil sie doch immer wieder auf eine überzeugende Aufführung hoffen.

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ie ist er denn nun so gelaufen, der erste Premieren-Reigen die ser Saison? Wer wagt, gewinnt, sagte sich das Volkstheater - und schaffte das auch, mit Kleists schwieriger "Penthesilea" und Andrea Eckert in der Hauptrolle. Nett sein zu den Abonnenten, die von Nackerten auf der Bühne die Nase voll haben und einen Liebling sehen wollen, dachte sich vielleicht das Burgtheater - und setzte einen kreuzbraven "Nathan" mit einem gut disponierten Brandauer an. Im übrigen zeigt man eine Art modernen Edel-Boulevard - und knüpft damit an die alte Boulevard-Tradition des Hauses an. Die Josefstadt sucht noch eine Linie, "Die Dreigroschenoper" war, rein von den Ressourcen des Hauses her, nicht das Richtige. Frischluft braucht das Institut jedenfalls.

Nun, die Saison ist noch lang. Man kann den Wiener Bühnen nur wünschen, dass sie in den kommenden Monaten viele der Besucher, die nur mehr "trotzdem" ins Theater gehen erfreuen und jene zurück gewinnen, die vom "trotzdem" zum "gar nicht mehr" übergegangen sind. Das wäre fein, aus künstlerischen wie finanziellen Gründen.

barbara.petsch@diepresse.com

Der Tribut an die Moderne ist mitunter ein Vorwand, um Texte zu ver-

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