Die Schweigeminute halten wir nicht aus

D
er Tod macht sprachlos. Aber das darf nicht sein, es ist so unerträg lich wie er, beide müssen mit Ritualen gebannt werden, die das Loch im sozialen Zusammenhang und in dem des Sprechens so stopfen wie das in der Erde, Grabredner wissen es, Journalisten wissen es. Der gewöhnliche Geier ist harm- und arglos, er nährt sich vom Kadaver und schafft ihn aus dem Blick, Pompfüneberer und Priester tun es auch, ihre Formeln lenken unsere Hilf- und Sprachlosigkeit in die Bahn der Rituale und Routinen, Zapfenstreich, Halbmast, die Schweigeminute ist das Angemessenste, aber die ist gelogen, wir halten sie keine Minute lang aus, dann muss es wieder laufen, das Reden und das Schreiben.

Vorher schon zieht der diensthabende Redakteur, wenn er einen der täglich Gescholtenen husten hört, den Nachruf aus der Lade und bringt die Daten auf den Stand. Hartgesottene schleichen sich bei Angehörigen ein und in die Intensivstation, und ohne Risiko lässt sich wetten, dass Dutzende "letzter Interviews" erscheinen - die Inszenierung des Todes bietet unvergleichlichen Gesprächsstoff und hält das Leben am Leben -, von Krokodilstränen reden wir nicht, die Krokodile können so wenig für ihren Ruf wie die Geier.

Nihil nisi bene, wer nicht mehr da ist, war ein guter Mensch, und wer geht, tut den Bleibenden auch einen Dienst: Solange wir andere mit dem Tode ringen lassen, sind wir selbst nicht an der Reihe, das Aufbügeln der Trauerkleidung und des Nachrufs beruhigt, manche lesen nur Todesanzeigen, "Du lebst ja noch" steht im Subtext.

E
s steht auch bei Ingeborg Bach mann, es steht ähnlich in Elias Ca nettis "Masse und Macht", die Literatur arbeitet sich daran ab, Philosophien bauen darauf, Religionen ohnehin, auch die Begleitmusik, von der Trommel bis zum Requiem, das den Singsang der Redner - es kommt nicht auf den Inhalt an, zum Pausenfüllen ist alles recht - aufnimmt und überhöht.

Natürlich lässt er sich nicht fangen im Netz der Worte, aber wenn es bricht, das Netz, dann sind wir tot. Das Schweigen ist zu laut, es muss übertönt werden, erst von den Professionellen, dann von allen, nach dem Friedhof geht es ins Wirtshaus. Spätestens nach der dritten Runde versteht man das eigene Wort nicht mehr, die Phrasen haben ausgedient, Anekdoten holen die Toten zurück - und vom Thron der so hoch Gelobten wie Gefürchteten -, Sprache und Gemeinschaft sind wieder geschlossen. Fast, eine Meinung muss schon auch noch darauf gesetzt werden.

juergen.langenbach@diepresse.com

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