Meinung: Der Krieg im trauten Heim

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ütter weinen. Kinder schreien, reißen einander und die Eltern an den Haaren, werfen Spielzeug durch die Luft: Heute ist es wieder so weit. Ein Millionen-Publikum sitzt vor den TV-Geräten und verfolgt gespannt, wie Super-Nanny auf RTL Familien befriedet. Die Doku-Soap ist ein solcher Erfolg, dass sie es mittlerweile zu einem festen Termin im Hauptabendprogramm (20.15h) des Privatsenders gebracht hat. RTL kann sich der Anfragen verzweifelter Eltern kaum erwehren, die sich von Therapeutin Katharina Saalfrank beraten lassen wollen. Und dafür in Kauf nehmen, dass Kamerateams wochenlang die peinlichsten Winkel ihres Familienlebens ausleuchten.

Der Deutsche Kinderschutzbund schäumt: Da werden Eltern, speziell Mütter, "vorgeführt". Die Kinder kommen gar nicht zu Wort, die Lösungsmethoden: autoritär, fahrlässig, würdelos.

Nun ja, schon die alten Griechen wussten, dass der häusliche Herd ein Kriegsschauplatz ist, man denke nur an die "Atriden" (Gattenmord), "Medea" (Kindsmord). Es war nur eine Frage der Zeit, bis das sich epidemisch ausbreitende Reality-TV-Geschäft das brisanteste Feld zwischenmenschlicher Beziehungen beackert. Ewig bleibt keiner "Bachelor" oder "Bachelorette", einmal kommt das Traumschiff der Illusionen im Hafen der Wirklichkeit an. Und eines hat das Fernsehen mit der Wissenschaft gemeinsam: Was gemacht werden kann, wird gemacht. Was gezeigt werden kann, wird gezeigt. Nanny, das Format ist inspiriert von der wunderbar witzigen US-Soap gleichen Namens. Nanny Diaries, der Erfahrungsbericht eines Kindermädchens in der New Yorker Upper-Class (deutsch bei Goldmann), war ein Bestseller.

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etzt also: Nanny für den deutschen Geschmack, streng, martialisch, hu morlos und unterwegs mit Vorschrif   ten, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Da werden Kinder auf Treppen und in Zimmer verbannt, kleine Fratzen mit umfangreichen Konzepten und Papieren traktiert. Und wieso ging eigentlich beim letzten Mal die tüchtige Beraterin auf Krücken, nach einem Unfall bei einem "Einsatz", wie mitgeteilt wurde?

In einem allerdings hat Super-Nanny Recht: Von der antiautoritären Welle der Sixties müssen wir uns langsam verabschieden. Super-Nanny erinnert an eine uralte Erziehungsmaxime: Kinder brauchen Grenzen. Und das ist wieder nicht schlecht, schon gar nicht, wenn es vom TV verbreitet wird, das den Kids doch täglich auf allen (Comic-)Kanälen vor allem erklärt, wie toll, autonom und frech sie nicht sein dürfen und sein sollen.

barbara.petsch@diepresse.com

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