Meinung: Wozu reden mit dem Publikum?

S
ag mal, verehrtes Publikum, bist du wirklich so dumm? Fragte einst kein Geringerer als Kurt Tucholsky. Er meinte es ironisch, denn selbstverständlich ist das Publikum keineswegs dumm. Was es will, bleibt freilich ein großes Geheimnis - mit dessen Lüftung man ungefähr ebenso viel Lorbeer einheimsen könnte wie mit der Züchtung von Steinpilzen.

Heute, Mittwoch, lädt das Publikumsforum der Staatsbühnen wieder einmal zum Publikumsgespräch - ins Burgtheater. Heiß umkämpft war dieses Forum bei seiner Etablierung anlässlich der Ausgliederung der Bundestheater. Ein parteipolitisches Hickhack. Wer bisherigen Publikumsgesprächen beigewohnt hat, weiß, dass es dabei meist eher zahm zugeht. Von einem Aufstand gegen den Spielplan oder einer Einmischung in die Theaterführung keine Rede.

Ist das Publikum also glücklich - oder gar dumpf? Nein, aber es glaubt keinen Erläuterungen, sondern nur den Taten - und es stimmt an der Kasse ab.

Implantiert wurde die Debatten-Kultur dem Wiener Theaterleben vom früheren Burgtheater-Direktor Claus Peymann. In deutschen, man könnte auch sagen protestantischen Landen hat der Diskurs mehr Tradition als in Wien. Nebenbei schuf sich Peymann mit den Publikumsdiskussionen eine Plattform des direkten Dialogs mit den Zuschauern.

Schließlich war er zeitweise ziemlich umstritten. Allerdings: Schon damals konnte man bei Publikumsdiskussionen immer wieder beobachten, dass die Menschen mehr zum Stars-Schauen als zum Reden oder gar Streiten kamen. Klar, ein paar Grantige gab es immer, aber meistens wurden sie von sogleich eifrig und heftig konternden Fans zum Schweigen gebracht.

N
un, mittlerweile hat das Theater sowieso andere Sorgen, nämlich jene, woher Besucher nehmen? In der Intensivierung des Marketings, vielfach mit Ermäßigungen, sind in den letzten Jahren alle Wiener Großbühnen sehr aktiv geworden. Die Abonnement-Strukturen bröckeln, umso schneller schlägt ein Misserfolg oder mehrere auf die Kasse. Auch das gütigste Publikum kann wild werden, das zeigte sich jüngst an der Josefstadt, so schnell wäre ein Direktor früher nicht abberufen worden, wie das bei Hans Gratzer passiert ist.

Auf die schlechteste Saison folgt oft die beste: das zeigt sich derzeit im Volkstheater, wo eine Reihe von Vorstellungen ausverkauft ist. Die Schwankungen im Theater werden offenbar schneller und breiter. Reden ist gut und schön, aber die Hauptsache ist gutes Theater. Insofern hat sich wieder nicht viel geändert, denn das ist schon immer so gewesen.

barbara.petsch@diepresse.com

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.