Meinung: Illusion des Chat

N
eulich auf Ö1: Thema Chat. Dass der es inzwischen in den ORF-Kul tursender geschafft hat, ist bemerkenswert. Na ja, mit dem Chat ist es schon so wie mit dem Kitsch. Viele mögen ihn, aber dabei erwischt werden will keiner. Dabei hat der Chat seinen anrüchigen Touch als Aufriss-und Erotik-Forum längst durchbrochen. Chat-Foren gibt es heute für sehr viele Themen: Berufliches, Freizeit, Hobbies.

Allerdings, Ö1 widmete sich dem, wofür der Chat am bekanntesten ist. 20 Herren traf sie, erzählte eine Dame; sie suchte einen Vater für ihr Kind, sie fand ihn, jetzt ist sie schwanger. Ein Mann berichtete, er habe diese und jene getroffen und dann seine, aber die habe noch andere Dates gehabt, also habe er sie, um es kurz und grob zu sagen, mit seinen Dates unter Druck gesetzt, und jetzt hat er sie erobert.

Sodom und Gomorrha!, werden sich nun manche denken. Die einen suchen ihre Gattin aus einem Katalog aus, die anderen finden sie im Internet, die Dritten in den Inseraten-Spalten oder bei der Partnervermittlung. Wo bitte bleibt die Unauflöslichkeit der Ehe? Die hat sich wohl relativiert - mit den hohen Scheidungsraten. Wie aber soll man das jetzt finden, zum Beispiel als 60-jährige Frau ("Junge Alte"!) mit 65-jährigem Mann ("Junger Alter!"), seit 30 Jahren verheiratet, mal glücklich, mal weniger, meist leidlich treu. Hat man da etwas versäumt?

Muss man sich grämen, weil man Haus gebaut, die Kinder aufgezogen, das Vermögen vermehrt hat, vielleicht gelegentlich wen anderen schöner, lieber fand als den eigenen Partner, aber trotzdem daheim geblieben ist?

Nicht unbedingt weil, was Gott gebunden hat, der Mensch nicht trennen soll, sondern weil man es eben so gehalten hat. Nein, man muss sich nicht grämen, dass sich die Abenteuer in Grenzen hielten.

M
an hat sich doch auch einiges er spart, nicht nur finanziell: Stress mit Partner-Wechsel und Single-Einsamkeit, Patchwork-Familie und Psychiater, trauernde Kinder. Immer wieder ist es interessant zu erleben, wie bei Sendungen über Partnersuche ganz konservative Tugenden gerühmt werden: Treue, Beständigkeit, Zärtlichkeit, Vertrautheit.

Der Chat ist bloß eine neue Technik, die so viel verspricht wie ein neues Auto oder ein neuer Fernseher. Menschen ändern, das kann keine Technik. Wohl hat es Vorteile, dass das Korsett der lebenslangen Beziehung, auch als Wirtschaftsgemeinschaft wie sie früher gedacht war, aufgebrochen, die Freiheit und die Chance für individuelles Glück, ökonomische Unabhängigkeit größer geworden ist, gerade für Frauen. Aber, so viel sieht man mittlerweile, Wunder sind davon nicht zu erwarten.

barbara.petsch@diepresse.com

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