Meinung: Wozu Regisseure?

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ie wenigsten trauen sich diese Frage heute noch laut zu stellen. Berechtigt ist sie dennoch. Warum hängt Richter Adam kopfüber vom Schnürboden? Warum liegt Schubert im Bett? Warum wirkt das Lustspiel "Was Ihr wollt" so trübe? Wieso wird bei Molnár gerülpst und gefurzt? Das moderne Theater ist vulgär, unverständlich. Sagen die einen - und meiden es. Originell! Cool! Rufen andere.

In Fachkreisen ist die Diskussion längst erledigt. Der Text gilt als Baustelle. Auf dieser fühlt sich das Publikum denn auch oft wie im Abbruchhaus, besonders, wenn nicht einmal mehr deutlich gesprochen wird. Man sah schon Besucher mehr im Programmheft mitlesen als auf die Bühne schauen. Sinnlos das.

Im stillen Ringen der Konservativen und der Progressiven - die nicht immer identisch sind mit Jung und Alt - gibt es jedenfalls keine Einigung. Nur: Ist die Aufführung überzeugend, schwinden häufig die ästhetischen Klüfte - und alle sind begeistert. Die Schauspieler werden sowieso meistens gelobt. Gut so.

Einiges sollten Theaterfreunde aber doch in Betracht ziehen, wenn sie sich ärgern: Theater ist ein altes Medium und eine diebische Kunst, die sich überall bedient, wo sie glaubt, es gibt fürs Drama etwas zu holen, speziell in Zeiten, da Gesamtkunstwerke in Mode sind. Es wäre ein nettes Experiment, einmal eine Serie konventioneller Aufführungen zu zeigen. Ich behaupte, die Zahl der Orthodoxen würde schrumpfen. So bang wie sie jetzt in der Pause fragen: "Was zum Teufel will der Regisseur?" würden sie dann murmeln: "Fein, aber doch irgend wie fad."

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heater ist nicht nur eine alte, son dern auch eine stark von Zensur geprägte Kunst. Das Regietheater, an dem sich viele heute noch reiben, wurde nicht in den sechziger Jahren, sondern in den Zwanzigern erfunden, nicht zufällig eben im Gefolge der Lockerung bzw. Aufhebung der Zensur. Theater wird subventioniert. Vor allem die großen Staatsbühnen bekommen, trotz Kürzungen, besonders im deutschsprachigen Raum ihr Geld, egal, ob sie dem Publikum dienen oder nicht. Missbrauch ist eine Folge dieser Freiheit. Gerade sie ermöglicht aber auch tolle Experimente und Klassiker-Interpretationen, die alte Texte spannend machen.

Autoren wie Shakespeare, Molière waren selbst Theatermacher, Schauspieler. Die meisten alten, berühmten Autoren schrieben für ihre Zeit. Um ihre Gedanken ins Heute zu holen, braucht es Ideen. Und das ist immer ein Risiko. Mit Prinzipien wird man dem Thema Regie nicht gerecht. Man kann nur von Aufführung zu Aufführung entscheiden - wie das Theater-Enthusiasten auch tun.

barbara.petsch@diepresse.com

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