Meinung: Was bleibt vom guten alten Interview?

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n früheren Zeiten funktionierten In terviews so: Man setzte sich zusam men. Der Journalist schrieb mit und veröffentlichte das Interview. Das hat sich geändert: Ein Interview wird heute meistens auf Band aufgenommen und vom Interviewten autorisiert, sprich: genehmigt. O. k.

Freilich kommt es zunehmend vor, dass dabei Passagen herausgestrichen oder umgeschrieben werden. Und mittlerweile konsultiert der Interviewte auch noch seinen Pressesprecher, bevor er das Interview freigibt.

Mit freier Meinungsäußerung, freier Fragestellung des Journalisten, freier Antwort des Interviewten hat das immer weniger zu tun. Und es ist auch nicht unbedingt nützlich für den Leser, wenn er nur eine fünf Mal gewaschene Version des Gesprächs bekommt.

Diese Entwicklung hat natürlich ihre Gründe: Die Medien sind etablierter geworden und viel breiter gestreut. Die Gesellschaft ist konfrontativer geworden. Wer interviewt wird, will - und muss auch - in vielen Bereichen mit ganz bestimmten Sätzen vertreten sein, auch wenn diese wie in der Politik des Öfteren nur Leerformeln sind. Es gibt auch immer wieder Missbrauch, Missverständnisse, Verfälschung, Fälschung von Aussagen durch die Medien, wenn auch bei weitem nicht so häufig wie erzürnte Interview-Partner behaupten.

In Deutschland wurde jüngst (siehe S. 40) heftig über Zensur gestritten, genauer über die Frage: Dürfen Medien Privates berichten? Wie viel davon, was und unter welchen Voraussetzungen? Das sind durchaus berechtigte Fragen. Denn es ist nicht egal, ob man, sagen wir, eine Prinzessin oben ohne am Pool ablichten darf - oder einen Ehemann, der im öffentlichen Leben steht, mit einer Frau, die nicht seine ist, schmusend in einer Bar. Vom österreichischen Standpunkt würde man spontan sagen: Das Privatleben eines Politikers ist tabu, solange er nicht die Würde seines Amtes eklatant verletzt.

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enerell freilich erscheint diese De batte als Nebenschauplatz. Viel wichtiger ist, in welchem Ausmaß Medien der Zensur ausgesetzt sind, welchen Formen und warum. Welche Scheingefechte werden der Öffentlichkeit vorgesetzt? Wie gut sind Journalisten imstande, ihre Berichte zu recherchieren, die wahren Zusammenhänge zu erforschen, und wie weit werden sie behindert? Die Entwicklung im Interview-Sektor ist schon ein Signal dafür, dass hier nicht alles zum Besten steht und sich statt Zensur der alten Art andere Formen der Manipulation eingeschlichen haben. Das ist demokratiepolitisch bedenklich.

barbara.petsch@diepresse.com

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