Meinung: Weltuntergang? Kein Kommentar!

N
iemand darf zu diesem Film Inter views geben oder ihn kommentie ren." Diese E-Mail ging am 1. April von der Nasa-Zentrale an alle Klimaforscher in Nasa-Diensten, mancher der Adressaten mag an einen Aprilscherz gedacht haben. Aber der Maulkorb war ernst: "Dieser Film" ist das neueste Weltuntergangs-Opus von Roland Emmerich, dessen Spezialeffekte schon in "Independence Day" das Weiße Haus das Gruseln lehrten. Damals schob sich der Schatten des Raumschiffs über Washington, auch diesmal droht die Schrift an der Himmelswand: Die Vögel verlassen in Scharen New York, bald kommt die Flut über die Stadt, dann das Eis.

Aber diesmal - "The day after tomorrow" - sind es nicht böse Fremde aus dem All, diesmal ist es der hausgemachte Klimawandel, oder, wie Emmerich in Interviews eifrig zur Kinokasse winkt, die "Rache der Natur". Als ob die nichts anderes zu tun hätte, als ob es etwas gäbe, was ihr noch gleichgültiger wäre als die Existenz der Vereinigten Staaten von Amerika oder die nächste Amtszeit des Präsidenten! Auch der hat anderes zu tun, als sich just um die Natur zu kümmern, er muss lästige Widersacher abwehren, etwa Wissenschaftler, die gerade zu Hunderten einen Protest gegen "Zensur und Manipulation" unterzeichnet haben, weil sie die Forschungsfreiheit bedroht sehen. Wer mit Staatsgeld forscht, kann missliebige Befunde oft nicht publizieren, die Liste ist lang, sie betrifft auch Fragen des Klimawandels und seines Hauptverursachers (auf den alle anderen deuten, die zum Klimaschutz auch nichts tun): USA.

A
ber nicht alle lassen sich mundtot machen. Im Februar lancierte das Pentagon eine Doomsday-Version, die der des Films zum Verwechseln ähnlich sieht: Die globale Erwärmung bringt weltweit Chaos, den USA Abkühlung bis Vereisung, in fünfzehn Jahren schon könne es so weit sein. Natürlich geht es bei Emmerich noch rascher, aber daran kann es nicht liegen, dass irgendjemand der Nasa respektive ihren Spezialisten Redeverbot erteilt (und es nach Abdruck desselben in der "New York Times" jetzt wieder aufgehoben) hat. Die Bedrohung ist real - in viel längeren Zeiträumen. Sie ist weder vom Pentagon noch von Emmerich erfunden, beide haben einfach eine feine Nase und greifen tief in die Gruselkiste. Und die Bilder selbst sind nicht zu bändigen, sie ziehen ihre Kraft aus der Angst vor den Folgen des eigenen Tuns, der Überladung der Atmosphäre mit Treibhausgas-Müll. Also soll wenigstens das Gerüst, an dem die Emotionen sich hochwinden - das banale Faktensammeln der Forschung, dem auf seiner Ebene nicht zu widersprechen ist -, sich nicht zeigen dürfen. Dafür sprechen Manipulation und Maulkorb, für eine höchst unvermutete Hochachtung von der Macht der Wissenschaft.

juergen.langenbach@diepresse.com

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