Meinung: Was täten wir ohne das Wetter?

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b Frieren oder Schwitzen. Unser Lieblingsthema ist und bleibt in jeder Lage: das Wetter. Klein hat es angefangen mit dem Frosch im Glas. Heute zieht sich die "Wetterfront" durch sämtliche Kanäle. Wobei die technisch-mediale Raffinesse der Aufbereitung der Prognosen (vor allem im TV) wie so häufig bei technischen Dingen umgekehrt proportional zu dem verläuft, was wir daraus machen.

"Heiß is'", sagt etwa die Fleischhauerin - und der Kunde antwortet gehorsam: "Ja, furchtbar." Warum reden wir so gern über das Wetter? Haben wir keine anderen Sorgen? Doch, das ist es ja gerade. Das Wetter ist ein Schutz-Thema. Und kein schlechtes. Es bewahrt uns und unsere Umwelt zum Beispiel vor peinlichen Konfessionen: "Gestern hat mich meine Freundin verlassen, einfach so." Was soll man dazu sagen?

Das Wetter hält uns auch davon ab, die Ursachen unserer Wehwehchen oder unserer schlechten Laune zu ergründen. Wenn wir müde sind, ist es das Wetter. Wenn wir sauer sind, ist es das Wetter. Wenn wir wieder einmal eine dringende Erledigung bis St. Nimmerlein aufgeschoben haben, ist es - erraten - das Wetter! Das Wetter kann es uns nie recht machen. Ist es ein paar Tage heiß, stöhnen wir: "Zu warm!" Schneit es 24 Stunden durch, rufen wir verzweifelt: "Zu viel Schnee!" Auch da haben die Medien bereits reagiert und sagen uns täglich nicht nur wie das Wetter wird (und dann doch nicht wird), sondern auch, ob es für die Jahreszeit zu kalt oder zu heiß ist.

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ine skurrile Gewohnheit wäre das Gerede über das Wetter, würde es nicht auf etwas anderes verweisen: die Fähigkeit zur Konversation, den Wunsch, sich über Substanzielles zu unterhalten - oder nicht. Die "Großwetterlage" auf diesem Gebiet hat sich eindeutig verändert. Es wird immer mehr geschwätzt und immer weniger gesprochen. Das Schwätzen hat auch immer öfter den ausdrücklichen Sinn zu verschleiern. Das fängt mit der Politik an - und setzt sich fort im Gesellschaftlichen.

Ob Stammtisch, Salon oder Small Talk, dem Austausch von Wahrheiten oder gar Tiefsinn dienen Gespräche am allerwenigsten. Witzig sollen sie sein, informativ, aber intim, privat? Um Gottes Willen, das könnte beschwerlich werden.

Bleibt also das Wetter sozusagen als unterste Stufe in der Hierarchie der Schein-Kommunikation, der kleinste gemeinsame Nenner, der das geringste Risiko birgt. Denn mit dem Wetter kann man niemandem auf die Zehen treten. In diesem Sinne: warm heute.

barbara.petsch@diepresse.com

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