Meinung: Der Kunst ihre Nation?

D
er Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit, lautet das Motto der Wiener Secession - gewählt in der von Nationalismus umtosten Epoche vor dem I. Weltkrieg. Das Fin de Siècle war die Blütezeit der Wiener Moderne. Doch so stolz wir sind und sein dürfen auf Klimt, Schiele & Co., nicht ihre Staatsbürgerschaft hat sie berühmt gemacht, sondern ihr Stil.

In Deutschland wird derzeit wieder einmal heftig diskutiert: über das Buch des Berliner Autors Volker Gebhardt. Der 42-jährige Mediziner und Kunsthistoriker hat eine umfangreiche Studie, "Das Deutsche in der deutschen Kunst" (DuMont), veröffentlicht. Dürer, Cranach, Dix, Bauhaus, Beuys, was ist an ihnen typisch deutsch? Der Konter: Soll man danach überhaupt fragen? Ist das nicht nationalistische Prahlerei auf Kosten der Kunst? Erinnert solche Methodik nicht gar an den Nationalsozialismus, der alles für sich in Anspruch nahm, was deutsch war - und alles andere aussperrte, vertrieb, tötete?

Langsam, langsam.

Wenn es italienische Renaissance gibt, französischen Impressionismus, amerikanische Pop-Art - warum soll man dann nicht auch erkunden, worin der deutsche Beitrag zur Kunst besteht? Kunst ist ja nicht nur das autonom Schöpferische, sie wurzelt immer auch in Traditionen, Mythen, Geschichten, Philosophie, Lebensart der Region, in der sie entsteht. Auch wenn die Moderne das Ego betonte, auch wenn vieles, was Europa prägte, in Italien und Frankreich begann - und manches, was heute prägend ist, aus den USA kommt. Wer also Lust hat, Gebhardts Buch zu lesen, wird es tun - und als Beitrag zur Kunst-Diskussion aufnehmen. Eine solche lohnt jedenfalls mehr als die dumme Streiterei, die zuletzt die Gemüter erhitzte, ob Mozart Deutscher oder Österreicher war - und wirkt sinnvoller als die seltsame Idee, Literatur-Stars in einen Austrokoffer zu packen.

E
s ist vollkommen egal, woher ein Künstler stammt, wenn er Welt kunst geschaffen hat. Darüber entscheidet in Zeiten der Globalisierung zunächst der Markt. Der machte etwa den Leipziger Neo Rauch berühmt. Und was hat man vor Jahren nicht alles lesen müssen über die irrelevante, öde Kunst der Ostdeutschen!

Was in den Kanon kommt, ob Literatur, Musik oder bildende Kunst, ist zum Glück von vielen Faktoren abhängig - zu denen natürlich auch die Vermarktung zählt. Aber die Nation, verstanden in einem engen politischen, regionalistischen, provinziellen Sinne, spielt dabei die geringste Rolle - und sollte es auch.

barbara.petsch@diepresse.com

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