Meinung: Teure Leidenschaft fürs Musical

J
ede Entscheidung für Kultur bedeu tet, Geld in die Hand zu neh    men", erklärte Kulturstadtrat Mailath-Pokorny jüngst. Und das muss man der Stadt Wien lassen: Sie nimmt nicht nur Geld in die Hand, sie gibt es mit vollen Händen aus. Fast 30 Millionen Euro für das Mozartjahr 2006, 40 Millionen Euro für Oper im Theater an der Wien, Musical im Ronacher und im Raimundtheater, 35 Millionen Euro für den Umbau des Ronacher - das doch erst 1993 für damals 140 Millionen Schilling von Luigi Blau renoviert wurde, das Abstands-Honorar für Coop Himmelblau, deren Projekt nicht realisiert wurde, von 30 Mill. S nicht zu vergessen.

Schwindlig könnte einem werden. Ärgern könnte man sich. Schließlich sind nicht wenige Menschen arbeitslos, bangen um ihre Pension. Aber schon im alten Wien verstand man es zu feiern. Da agieren die Sozialdemokraten ganz wie zu Kaisers Zeiten. Es ist geradezu ein Witz der Geschichte, dass gerade ins Ronacher so viel investiert wird, das 1872 eröffnet wurde und zwölf Jahre danach zur Ruine abbrannte, worauf es weitere 120 Jahre munter weiter lebte. Natürlich wäre es - wenn man schon auf den sprichwörtlichen Putz hauen will - längst sinnvoller gewesen, gerade für das Entertainment ein neues Haus zu bauen, das technisch alle Stückeln spielt, statt an historischer Substanz herum zu doktern im Ronacher wie im Raimundtheater - unter reichlichem Verzehr von Steuergeld - aber Kulturpolitik in Wien ist eben irrational. Und weil das so ist, wollen wir hoffen, dass auch das Theater in der Josefstadt nicht vergessen wird. Denn auch diese Bühne bröckelt; sie könnte in etwa für das Musical-Budget von nur einem Jahr, nämlich für 14,5 Mill. €, glänzend saniert werden, was auch schon lange versprochen ist, aber, zuletzt durch den Beinahe-Finanz-Zusammenbruch des Theaters immer wieder verzögert wurde.

N
och ein Wort zum Musical. Nicht nur die baulichen Entscheidun gen, auch die künstlerischen geben immer wieder Anlass zum Grübeln: Gerade hat man "Barbarella" in den Sand gesetzt, eine teure Eigenproduktion, die nach nur neun Monaten abgesetzt werden muss? 2005 folgt mit "Romeo & Julia" ein französisches Lizenzprodukt, ein Fundstück der neuen Musical-Intendantin Kathrin Zechner: Nur, die Pariser Produktion war eine Show für 4000 Leute, für Wien soll es eine Theater-Fassung in deutscher Übersetzung geben, das klingt altmodisch, bieder und nicht nach einem Beschreiten neuer Wege für die Jugend - nach der Wiens Musical-Macher so verzweifelt gieren.

barbara.petsch@diepresse.com

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