H
arry Potter erzieht Leser, hört man. Die müssen sich dann aller dings wie die Raupe Nimmersatt durch Tonnen von Kinder- und Jugend-Literatur wühlen - zweimal jährlich kommen Berge von Neuerscheinungen hinzu. Wer liest all das - neben dem vielen Kinder-TV?
Bei der Literatur für Kids und Jugendliche machen sich ähnliche Probleme bemerkbar wie bei jener für Erwachsene: Es gibt sehr viel, zu viel vom Gleichen - und eine starke angelsächsische Konkurrenz. Da kann der deutschsprachige Markt schon von der Größe her kaum mithalten. Auch wenn die Sprache mittlerweile weitgehend vereinheitlicht ist. Das Österreichische wurde verdrängt. Gerade eine Bestseller-Autorin wie die Nöstlinger "leistet" es sich noch, wienerische Worte zu verwenden. Durchaus nicht exotisch: Auch angelsächsische Bücher sind mit Glossarien versehen.
Österreichs Autoren behaupten sich im Übrigen nicht schlecht im deutschsprachigen Raum. Ältere wie Mira Lobe oder Christine Busta sind noch immer gut zu lesen. Viele heutige Schriftsteller schrieben Kinderbücher: Barbara Frischmuth, Renate Welsh, Elfriede Gerstl, Franzobel. Sowieso präsent sind heimische Autoren in Schulbüchern, etwa Ernst Jandl oder Käthe Recheis. Der in Wien geborene Thomas Brezina ist also keine Eintagsfliege - auch wenn der enorme Erfolg dieses medialen Gesamtkunstwerks aus Moderator und Autor alle anderen in den Schatten stellt.
Trends? Dienten Kinder- und Jugendbücher einst der Anpassung, lautet heute die Losung: Emanzipation, Rebellion. Das betrifft vor allem Mädchen-Bücher. Marlene Streeruwitz hat kürzlich in der "Presse" zu Recht auf die repressive Tendenz vieler Mädchenbuch-Klassiker - Heidi, Trotzkopf, Gulla, Nesthäkchen - hingewiesen. Heutige Mädchen-Figuren sind da meist ganz anders. Auch das Bild der Familie hat sich stark verändert: Scheidung, Patchwork, Tod, auch Vergewaltigung sind keine Tabuthemen mehr.
D
ie idyllische Kinderwelt ist ge schrumpft, lebt aber in Bilderbü chern weiter. Dort erfährt man auch: So wild ist es auch wieder nicht mit der Emanzipation. Selbst die gutwilligsten Eltern erkennen rasch, dass es ohne Grenzen nicht geht - und dafür finden sie reichlich Aufbau-Lektüre, witzig illustriert, dabei aber oft allzu betulich.
Lehrt der Harry-Potter-Boom die Kinder-und-Jugendliteratur-Macher etwas? Wohl! Sie sollten sich lieber auf weniger, dafür perfekt gemachte Bücher konzentrieren statt des Wildwuchses im Immer- Gleichen. Originelle Kinder- und Jugendbücher sind sehr selten. Das verbindet den "alten" mit dem "neuen" Markt.
barbara.petsch@diepresse.com