Meinung: Denn sie wissen nicht, was sie tun

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wei Girlies lächeln von einem Pla kat, die eine schminkt sich gerade, die andere ist schon fertig: Jagdsaison steht drunter. Das Gegenstück: Jungwild, zwei fesche Boys mit Skateboard. Nettes Sujet von Ö3. Nur: Was sagt uns das noch? Zum Beispiel, dass der öffentlich-rechtliche Jugendsender, bedrängt von einer immer größeren Zahl Privater, mit allen Mitteln um die Youngsters kämpft.

Das Leben ist ein Hit. Allerdings nicht, wenn man mit zehn oder zwölf Jahren vergewaltigt wird. Aber wer denkt schon an so was, wenn es um die Quote, ums Geschäft, um die Werbung geht?

Kids sind in, auch wenn immer weniger Menschen welche haben. Kids sind cool, was sie geil finden, hat das Adelsprädikat. Vergessen ist, dass geil einmal ein Wort für lüstern war. Wer wird denn da so kleinlich sein? Scouts beschnüffeln jeden Schritt der Kids, fahnden nach Trends, Chancen, um Kohle zu machen. Das Coole ist die Selbstbestimmung in möglichst frühen Jahren. Aus jedem Magazin ruft es: Sei cool, sei Herr der Lage, lass dich nie dabei erwischen, es nicht zu sein. Das Verschwinden der Kindheit diagnostizierte Neil Postman vor über 20 Jahren. Ist sie verschwunden? Gibt es keinen Schutz mehr für den Nachwuchs, das Unberührte, keinen Anspruch, unbeschädigt ins Leben zu treten? Müssen nicht Eltern, Erziehungsberechtigte dafür Sorge tragen? Sie müssen. Aber es wird ihnen immer schwieriger gemacht.

Denn, frei nach Peter Handke: Das Mündel will Vormund sein. Und die Umwelt bestärkt es in diesem Wunsch wie nie zuvor. Nun: Jugend kennt keine Tugend. Das war schon immer so. Die gesellschaftlichen Barrieren, die diesen Schwung bremsten, sind freilich niedriger geworden oder ganz verschwunden.

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er heute Kinder aufzieht, sieht sich einer Flut von Verführern gegenüber: Barbie-Puppen, fette Hamburger, Kinder-Schokolade, Pop-Musik, TV? Aber nein! Um solch lächerliche Versuchungen geht es hier nicht, sondern um Sex, der aus dem Computer kommt, Chat-Rooms, Drogen auf dem Schulhof, um Casting-Shows für Teenies, die Sechsjährige "anmachen" - und besonders Mädchen auf eine für sie lebensgefährliche Fährte locken.

Klar, kann alles gerade noch mal gut ausgehen, geht aber oft auch ganz schlecht aus. Die Girlies auf dem Ö3-Plakat sind nur die Spitze eines Eisbergs. Wer heute seine Kids unversehrt ins Erwachsenenalter bringt, hat wirklich sagenhaftes Glück gehabt. Denn nie war das so schwer wie heute - und nie wurde es einem so schwer gemacht.

barbara.petsch@diepresse.com

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