Es gibt Orte, wo das Wegschauen schwerfällt.
Vergangenes Wochenende war ich auf dem Krippenstein und es war toll. Von dem Berg in Oberösterreich hat man eine atemberaubende Aussicht, auf den darunter liegenden Hallstätter See und Hallstatt, das von dort oben richtig süß und beschaulich wirkt. Und auf den imposanten Hallstätter Gletscher, der auf der anderen Seite des Plateaus am Dachstein weiß herüberblitzt.
Kurze Zwischenwarnung: Das war es dann auch schon wieder mit den erbauenden Zeilen. Denn obwohl es ein strahlender Septembertag war, den ich dort oben mit lieben Freunden verbrachte – beim Anblick des Gletschers überkam mich die Schwermut. Vor allem, als der zweijährige Sohn der Freundin, aufgeregt in seiner Kraxn hüpfte und „Schau, Schnee!“ rief. Schwermütig, weil dort, wo es so weiß blitzte, nur noch Geröll übrig sein wird, wenn der Zweijährige einmal so alt ist wie seine Eltern.
Die Gletscher sind jener Ort in Österreich, wo man die Auswirkungen des Klimawandels derzeit wohl am anschaulichsten miterleben kann. Im Sommer schrumpfen sie etwa zehn Zentimeter pro Tag. Nicht still und heimlich, sondern sichtbar und laut. Bei dem Gletscher, den ich im Sommer besucht habe, floss das Schmelzwasser unter meinen Bergschuhen dahin, und mit ziemlichem Getöse des Gebirgsbachs ins Tal. Bis 2050, so die neuesten Erkenntnisse, ist ein Großteil der österreichischen Gletscher verschwunden.
Neben der Schwermut stellte sich aber auch ein anderes Gefühl ein: Und zwar Unverständnis. Darüber, worum es immer noch viel zu vielen egal zu sein scheint, was da direkt unter unseren Füßen mit der Welt passiert. Die herunterspielen, Achseln zucken, wegschauen und weitermachen wie bisher. All diesen Menschen, eigentlich sowieso allen, empfehle ich den Besuch eines Gletschers. Es ist ein trauriger, aber dennoch unfassbar beeindruckender Anblick. Und einer, den man sich ansehen sollte, bevor es zu spät ist.
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