Kolumne

Traumjob Pensionistin

Trotzdem Abheben zum Traumjob
Trotzdem Abheben zum Traumjob(c) Getty Images (pinstock)
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Die Lebensjahre, die wir in Pension verbringen haben in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Die Füße hochlegen und ab in Hängematte kommt als Modell zunehmend aus der Mode. Die Frage nach der Alterskarriere ist längst keine Randerscheinung mehr.

„In der Pension habe ich dann die Zeit all die Dinge nachzuholen, zu denen ich während meines Arbeitslebens nie gekommen bin“, ist ein oft gehörter Ausspruch, der zunehmend der Vergangenheit angehört. Er nährte die Mär vom wohlverdienten Ruhestand nach einem intensiven und anspruchsvollen Erwerbsleben.

Und noch in den 1950er- bis Anfang der 00er-Jahre mag dieser Traum zu einem sehr großen Teil noch der gelebten Realität entsprochen haben. Das hatte sehr viel damit zu tun, dass unser Gesundheitssystem noch nicht derart leistungsfähig gewesen ist, weshalb die Lebenserwartung um einiges niedriger war. Anfang 2000 war das zwar schon anders, aber es dauert ja immer ein bisschen bis Gewohnheiten aufgeweicht werden.

Im Jahr 1951 beispielsweise lag sie für Männer bei 61,9 und für Frauen bei 67 Jahren (WKO Statistik) und im Jahr 2021 bei 78,8 bzw. 83,8 Jahren. Selbstredend hat damals natürlich noch niemand großartige Pläne für seine Pensionen gebraucht. Aber heute werden Menschen nicht nur erheblich älter, sie bleiben aufgrund von medizinischer und technischer Entwicklung auch weitaus fitter.

Im Wesentlichen ist dadurch ein neuer Lebensabschnitt entstanden, den es so vor einigen Jahrzehnten noch gar nicht gab. Das wirft die berechtigte Frage auf, was wir mit dieser hinzugewonnenen Zeit in Zukunft anfangen wollen?

Das Gespenst des Pensionsschocks

Viele Menschen sehen ihrer nahenden Pension auch heute noch sehr gelassen entgegen. Sie freuen sich darauf, aus ihrem Berufsleben auszuscheiden und in Zukunft ihren vernachlässigten Hobbies oder anderen Tätigkeiten nachzugehen.

Das sind primär Personen, bei denen der Job im Leben einen nicht so überdurchschnittlichen Stellenwert eingenommen hat. Deshalb fällt dann auch der Abschied leichter. Eine immer größer werdende Gruppe sieht ihren Ruhestand (um die 25 Prozent - Tendenz steigend) allerdings jetzt schon mit Skepsis auf sie zukommen.

Das sind vor allem Menschen, die sich über viele Jahre sozusagen mit Haut und Haaren ihrem Job verschrieben haben. Die eigene Existenzberechtigung scheint geradezu damit verknüpft zu sein, so gut wie alle sozialen Kontakte spielen sich ausschließlich im beruflichen Umfeld ab und die gesamte Alltagsstruktur wird davon bestimmt.

Diese Menschen laufen tatsächlich Gefahr einen sogenannten Pensionsschock zu erleiden. Begleiterscheinungen sind zumeist Vereinsamung, ein Gefühl, nicht gebraucht zu werden und im schlimmsten Fall eine ausgewachsene Depression. Mit den Daten von Seniorenverbänden lässt sich das ebenfalls belegen und zwar gab es bis ins Jahr 2010 fast nur Anfragen wie es möglich, ist früher in Pension zu gehen.

Seitdem ist die Entwicklung gegenläufig. Die Menschen fragen nach, wie es gehen kann, seine Tätigkeit über das Pensionsantrittsalter hinaus zu verlängern. Natürlich spielen bei der Verlängerung der Erwerbsarbeit monetäre Gründe eine Rolle. Für manche ist es geradezu ein Muss geworden, weiterzuarbeiten.

Die Lebensmodelle haben sich ebenfalls stark verändert und viele Singles können sich eine Pension alleinstehend finanziell einfach nicht leisten. Unabhängig vom Motiv wächst die Gruppe der arbeitsfähigen und arbeitswollenden nach dem offiziellen Ende des Erwerbslebens stetig an.

Die vierte Lebensphase gestalten

Das Dolce fa niente-Modell nachdem wir in der Pension die sogenannten „goldenen Jahre“ in der Pension ausklingen lassen korreliert eben mit den im 20. Jahrhundert propagierten drei Lebensphasen (Ausbildung – Erwerbsleben – Ruhestand). Heute gibt es eine vierte Phase. Manche bezeichnen sie als die sogenannte freie Erwerbstätigkeit.

Der Druck einer Vollzeitanstellung ist im Normalfall nicht mehr in dem Ausmaß gegeben, aber der Wunsch weiterhin tätig zu sein, ist immer öfter vorhanden. Gab es dafür vor einigen Jahren am Arbeitsmarkt noch keine große Resonanz, so hat sich das mit dem überall diskutierten Fachkräftemangel schlagartig geändert.

Nicht nur in der Pandemie wollte man bereits pensionierte Ärzte in den aktiven Dienst zurückholen. Mittlerweile zählen beispielsweise Lehrer ebenfalls zu einer sehr stark umworbenen Gruppe. In manchen Branchen und Tätigkeiten ist die Ausgangslage für die zukünftigen Pensionäre schwieriger.

Körperlich arbeitende Menschen stehen sehr oft vor einer kompletten Neuorientierung, während Personen in Administrativ- oder Expertenpositionen ihre Tätigkeiten in abgespeckter Form weiterführen können. Bislang dachten viele schlicht und ergreifend gar nicht daran, bei ihren Unternehmen nachzufragen. Das ändert sich gerade, und so entstehen über das Regelpensionsalter hinaus jetzt Consulentenverträge. Das führt zu einem sanften Eintritt in die Pension und zu einer Weiterbeschäftigung der Pensionisten.

Langsam beginnen Unternehmen auch aktiv die Sache in die Hand zu nehmen und organisieren gezielt Begleitungen durch einen Coach, sogenannte Retention-Programms. Dabei geht es natürlich ebenfalls darum schwierige Übergabesituationen mit den Nachfolgern konstruktiv zu gestalten und für Knowhow-Transfer sowie einen nahtlosen Übergang zu sorgen. Eine weitere Intention ist es, gezielt dem Fachkräftmangel entgegenzuwirken und Menschen länger anzustellen.

Außerhalb der Unternehmen entstehen ebenfalls Angebote zum guten Übergang ins Seniorendasein. So gab es eine eigene Jobplattform für Senioren, die allerdings während der Pandemie wieder geschlossen wurde oder die Plattform seniors4success.at, welche Kurse und Coachings rund um dieses Thema anbietet.

Für zukünftige Ruheständler ohne finanzielle Sorgen bieten sich zudem unzählige ehrenamtliche Tätigkeiten an. Beispielsweise in der Begleitung von Menschen im pflegebedürftigen Alter.

Klar im Vorteil ist wer schon herausgefunden hat, welche Aufgaben seinem Leben Sinn verleihen. Das ist ein extrem wichtiger Anknüpfungspunkt für Entscheidungen wie es im vierten Lebensabschnitt weitergehen kann. Und wer weiß, vielleicht wartet ja nach einem beschwerlichen Erwerbsleben genau jetzt der lang ersehnte Traumjob.

Gutes Gelingen

Michael Hanschitz

Michael Hanschitz ist seit nunmehr 15 Jahren als New/Outplacementberater, Autor und Karrierecoach tätig. Er ist Gründer des Beratungsunternehmens Outplacementberatung (www.outplacementberatung.co.at) und Autor des Buches Menschen fair behandeln. Mit seiner Arbeit unterstützt er Menschen und Organisationen in schwierigen Veränderungsprozessen. Beraten mit Herz und Verstand lautet seine Devise.

Michael Hanschitz
Michael Hanschitz(c) Marek Knopp

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