Frankreich

Kontroverse Kirche-Staat: Warum die Papstvisite in Marseille hohe Wellen schlägt

Empfang von Papst Franziskus am Flughafen von Marseille zu seiner zweitägigen Visite.
Empfang von Papst Franziskus am Flughafen von Marseille zu seiner zweitägigen Visite. AFP / Andreas Solaro
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Emmanuel Macrons Besuch der Papstmesse im Vélodrome am Samstag empört die Anhänger der strikten Trennung von Staat und Kirche. Ein Präsident, so der Vorwurf der Linken, dürfe keine Präferenz für eine Religion zeigen.

Der Papst ist für den französischen Staatspräsidenten als Oberhaupt des Vatikanstaats grundsätzlich ein Amtskollege, und rein gar nichts steht einem offiziellen und herzlichen Empfang und einem Treffen der beiden im Weg. Dass Macron Franziskus am Samstag im Prado-Palast trifft und dabei Geschenke und höfliche Worte austauscht, stört darum auch kaum jemanden.

Doch dass der Präsident auch angekündigt hat, mit Ehefrau Brigitte der Messe im Sportstadion Vélodrome beizuwohnen, löste Kritik und vehemente Proteste antiklerikaler Kreise und von Anhängern einer strikten Trennung von Staat und Kirche aus. Dies sei unvereinbar mit der totalen Neutralität des Präsidenten gegenüber allen Konfessionen.

Kein Gebet, keine Kommunion

Ein Sturm im Wasserglas? Das Prinzip der Laizität, mit der die Republik vor mehr als 100 Jahren eine Art Waffenstillstand im ständigen ideologischen Streit zwischen Klerikalen und Antiklerikalen geschlossen hat, bleibt ein Thema von Konflikten, wie dies nicht zuletzt die Debatte um muslimische Kopftücher, Schleier oder kürzlich die Abaya-Oberkleider in den öffentlichen Schulen illustriert. Misst der Staatschef also die Laizität mit zweierlei Maß, wenn es zum einen um fundamentalistische Muslime und zum anderen um die Katholiken und den Papst geht, wie ihm dies die Linke vorwirft?

Macron nimmt die Angriffe ernst. Sofort ließ er mitteilen, dass er zwar bei der päpstlichen Messe im Vélodrome sein werde, nicht aber daran „teilnehme“. Er präzisierte dann noch selbst, er werde bei diesem Anlass jegliche „religiöse Handlung“ unterlassen. Darunter ist wohl zu verstehen, dass er weder beten, die Choräle mitsingen oder an der Kommunion teilhaben werde. Da er zwar getauft, aber kein praktizierender Christ ist, wäre dies wohl auch ohne den Druck der Proteste der Fall gewesen.

Charles de Gaulle kniete nieder und betete

Für die laizistische Linke bleibt Macrons Messbesuch ein Angriffspunkt. Mehrere Politiker von La France insoumise (LFI) sehen darin eine Anbiederung an die konservative Wählerschaft. Der LFI-Abgeordnete Bastien Lachaud meinte auf X (vormals Twitter): „Nach 15 Tagen Panik wegen der Abaya verhöhnt Macron die Laizität, er tritt die Prinzipien der Trennung von Kirche und Staat mit Füßen.“ Fabien Roussel, Parteichef der Kommunisten, wollte dem Staatschef eine Nachhilfestunde erteilen: „Eine weltliche Republik ist eine Republik, in der jeder die Religion seiner Wahl ausüben kann, aber das ist Privatsache. Ein Präsident der Republik darf nicht irgendeine Präferenz für eine Religion zeigen.“

Die katholische Tageszeitung „La Croix“ kann dagegen viele Präzedenzfälle nennen, die im Übrigen keineswegs solche Kontroversen ausgelöst hatten. Es gibt Fotos von General Charles de Gaulle, kniend und mit zum Gebet gefalteten Händen. Demonstrativ nahm er 1966 im damaligen Leningrad sogar – entgegen seinen Gepflogenheiten als Staatschef – an der Kommunion teil, um so ein Zeichen für die Glaubensfreiheit in der Sowjetunion zu setzen. Und alle seine Nachfolger kamen in die Kirchen und Kathedralen zu Messen für verstorbene Prominente, so auch Macron zur Beisetzungsfeier für den 2017 verstorbenen Rockstar Johnny Hallyday.

Auf Du und Du mit Franziskus

Zudem versteht er sich mit Papst Franziskus, den er schon drei Mal im Vatikan besucht hat, laut Medienberichten besonders gut. Der Rundfunksender France Inter glaubt zu wissen, dass die beiden sich duzen. 2018 hatte Macron auch erklärt, er wolle nach Spannungen (wegen Fragen wie Abtreibung, medizinisch assistierte Fortpflanzung oder Homoehe) mit dem Vatikan „die Bande reparieren“. Eine solche Annäherung ist zweifelsfrei nicht nach dem Geschmack der Antiklerikalen.

In Marseille selbst, wo Franziskus nicht nur bei den Gläubigen auf Zustimmung stößt, ist der Streit um die Laizität kaum von Interesse. Viel wichtiger erscheinen der Bevölkerung die immensen Sicherheitsvorkehrungen für diesen Besuch, der praktisch gleichzeitig mit dem Staatsbesuch von König Charles und der Rugby-WM stattfindet.

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