Essay

Ein Albtraum von einem Spiel: 98 Siege, und dann war Schluss

„Noch nie war er, der kleine Scheißer, bei einem Spiel gewesen . . .“
„Noch nie war er, der kleine Scheißer, bei einem Spiel gewesen . . .“Foto: Joker/SZ-Photo/Picturedesk
  • Drucken

Der Albtraum begann in der 13. Minute, als Babajan, ein krummbeiniger Terrier von einem Meter fünfundvierzig, zum Tor vordrang, den zum Spagat gespreizten Fryshtyk hinter sich ließ und den Ball mit der Fußspitze am in der Pfütze liegenden Schakal-Schakula vorbeischob.

Als Kind wohnte Sandro Marz am Park. Was bedeutete, dass er jedes von Fortuna geschossene Tor hören konnte: Frühling, Sommer und Herbst waren erfüllt vom Brausen der Liga, und das kleine Parkstadion zog regelmäßig mehrere tausend dem lokalen Klub ergebene Schreihälse an. Ihr explosives, dabei anhaltendes und rollendes ­Gebrüll signalisierte mit fast hundert­prozentiger Sicherheit einen Treffer ins Tor der Gäste. Wenn sich das Explosive nicht mit einer mehr oder weniger überzeugenden Dauer verband, schüttelte Sandro bloß den Kopf: ein offensichtlich vergeudeter Moment. Sein Gehör funktionierte mit großer Genauigkeit, was die Bälle anging, die Fortuna in den Kasten des Gegners brachte, jedoch nur sehr verschwommen in Bezug auf diejenigen, die ins eigene Tor flogen. In jener Saison gab es zum Glück viel mehr von der ersten Sorte. Wie auch immer, auf dem eigenen Platz machte Fortuna jeden fertig. Bis . . .

Mannschaft aus Bauern

Die Einheimischen nannten ihren Klub weiter Fortuna, obwohl die antibürgerliche Kampagne gegen Fremdwörter diesen Namen offiziell tilgte und „Fortuna“ zu „Komunar“ machte. Was dieses Wort bedeutete, ­davon hatten die Einheimischen keinen Schimmer, und so bezeichneten sie ihre Favoriten weiterhin als Fortuna. Ihre Liebe ließ nicht nach, und die Mannschaft zeigte sich ihrer würdig. Außerdem blieben die traditionellen Klubfarben Grün-Weiß. Zum neuen Namen passten sie überhaupt nicht, zum alten jedoch – wie angegossen.

Die Erfolgsserie hatte schon vor zwei oder drei Spielzeiten begonnen, als ein aus dem Osten angereister Charismatiker an die Spitze von Fortuna trat. Jahrzehnte später hat Sandro Marz Probleme, sich an seinen Nachnamen zu erinnern – Khalif? Bei Wikipedia liest er „Khalim“ und zweifelt lange an dessen Wikigenauigkeit. Aber sein Äußeres steht ihm noch genau vor Augen. Khalim-Khalif erinnerte fern an den Schah von Persien. Im Sommer 1967 waren dessen Fotos in Zusammenhang mit dem skandalträchtigen Besuch in West-Berlin in allen Zeitungen erschienen.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.