Empfehlungen der „Wissen“-Redaktion

Buchtipps des Monats

Über derbe Flüche, Orte der Stadtkindheit, Zungenspiele und das bürgerliche Alltagsleben in Floridsdorf.

Die Forschung vom Fluchen, Schimpfen und Verwünschen

Oksana Havryliv teilt wieder aus. Die an der Uni Wien tätige Sprachwissenschaftlerin wählte einst Schimpfwörter als Thema für ihr Doktorat. Die Idee dazu kam beim Heurigen, sie wollte etwas Unerforschtes, Lebensnahes untersuchen.

Mittlerweile hat sie eine bemerkenswerte Expertise aufgebaut, die sie nun in einem populärwissenschaftlichen Werk präsentiert. Unbedarfte können darin wohl so manchen neuen Terminus lernen. Oder erfahren, dass etwa Österreichs großer, auch für fäkal-anale Anspielungen berühmter Komponist manche Briefe mit „W. A. Mozart, der ohne einen Furz scheißt“ unterschrieben hat. Schimpfen kann freilich jede und jeder – und das überall. Havryliv weist aber auch auf die kulturellen Unterschiede und manche Schwierigkeit beim Übersetzen hin, die es rund um das Thema gibt. Und erinnert nebenbei an die Gebrüder Grimm: „An sich sind alle Wörter rein und unschuldig.“ Was schmutzig ist, sind die Vorstellungen.

Doch nicht alles ist zum Schmunzeln: Die gebürtige Ukrainerin warnt angesichts des russischen Angriffskriegs abschließend auch vor verbaler Gewalt als Ouvertüre zu körperlicher Gewalt. (gral)

Oksana Havryliv: <strong>„Nur ein Depp würde dieses Buch nicht kaufen“</strong> Komplett-Media-Verlag 224 Seiten 23,50 Euro
Oksana Havryliv: „Nur ein Depp würde dieses Buch nicht kaufen“ Komplett-Media-Verlag 224 Seiten 23,50 Euro

Spielen als Beruf(ung)

Hier werden Freundschaften geknüpft, Geheimnisse geteilt und Abenteuer bestritten – die Rede ist vom städtischen Park. Seit dreißig Jahren begleitet die Wiener Parkbetreuung Kinder und Jugendliche beim Aufwachsen. Das geht weit über „nur Spielen“ hinaus, handelt es sich doch um ein professionelles Handlungsfeld.

Diesem widmen sich der Schweizer Sozialgeograf Christian Reutlinger und Katharina Röggla von der FH Campus Wien. Zwischen fast nachdenklichen Bildern von sommerleeren Beserlparks (Jenny Baese) bietet der Band wissenschaftliche Essays, Interviews und Reflexionen mit bzw. von Akteuren sowie Beiträge zur Wiener Jugendarbeit im Park. Das Autorenteam plädiert für eine weitere Professionalisierung, um hier möglichst viele Türen zu Beziehung, Beratung und informeller Bildung öffnen zu können. (cog)

Christian Reutlinger, Katharina Röggla <strong>„Groß werden im Park“</strong> Mandelbaum-Verlag 208 Seiten 26 Euro
Christian Reutlinger, Katharina Röggla „Groß werden im Park“ Mandelbaum-Verlag 208 Seiten 26 Euro

Wir leben im Glossozän, dem Zeitalter der Zunge

Sie lispelt und lallt, sie verplappert sich: die Zunge. Anatomisch gesehen ist sie ein Muskelpaket, aber auch Trotzsymbol, essenziell für kulinarischen Genuss oder ­religiöses Motiv. Das scheint Florian Werner, der Anglistik, Amerikanistik und Germanistik studierte, ebenfalls essenziell. Schließlich promovierte er über Hip-Hop und Apokalypse.

Er betrachtet das Körperteil von der kultur- und sozialwissenschaftlichen War­te aus, skandiert frech das Zeitalter der Zunge und schmückt lustvoll aus. Für jede Papille ein anderer Blickwinkel. Fündig wird er in der bildenden Kunst, in Musikvideos und der Literatur. Mit lockerem Zungenschlag erzählt er unter anderem von der „verborgenen Scharnierstelle im Schatten des Mundes“ und wie sich die Arten des Zungenkusses anfühlen. (juf)

Florian Werner <strong>„Die Zunge. Ein Portrait“</strong> Hanser-Verlag 224 Seiten 25,50 Euro
Florian Werner „Die Zunge. Ein Portrait“ Hanser-Verlag 224 Seiten 25,50 Euro

Das bürgerliche Floridsdorf

Die Historikerin Gabriele Dorffner und der Kulturwissenschaftler Matthias Marschik geben anhand von 220 kontextualisierten und kommentierten Fotografien Einblicke in das bürgerliche Alltagsleben Floridsdorfs von 1880 bis 1960. Die Gegend (seit 1904 der 21. Wiener Gemeindebezirk), gemeinhin als Arbeiterbezirk bekannt, ist geprägt von Großbetrieben. Doch die Geschichte von Floridsdorf hat eben auch andere, eher bürgerliche und bäuerliche Facetten, wie der eindrucksvolle Bildband zeigt.

Zu sehen sind Segler in weißen Hemden, stolze Weinbauern mit vollen Bottichen, die Belegschaft eines Frisiersalons oder ein Familienausflug ins Grüne. Das Buch reiht sich ein in jüngere Forschungen, die bestrebt sind, Geschichte in ihrer Gesamtheit zu zeigen und auch die „Ränder“ des roten Wien zu beleuchten. (cog)

Gabriele Dorffner, Matthias Marschik: <strong>„Wien-Floridsdorf“</strong> Sutton-Verlag, 128 Seiten, 25,50 Euro
Gabriele Dorffner, Matthias Marschik: „Wien-Floridsdorf“ Sutton-Verlag, 128 Seiten, 25,50 Euro

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