Gastkommentar

Wo sich Christentum und Marxismus einig sein dürften

Replik. Brauchbare Antworten zur Bekämpfung von Armut haben beide nicht parat.

Wieder einmal versucht Professor Josef Christian Aigner, uns marxistische Ideologien und dementsprechend gepolte Parteien als harmlose, ja sogar erstrebenswerte Alternative zu verkaufen. Dass er das diesmal über die Hintertür des Christentums versucht, mutet etwas eigenartig an, bezeichnete doch kein geringerer als Karl Marx Religion als Opium des Volkes. Aber werfen wir einen genaueren Blick auf die Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Marxismus!

Beiden geht es um Macht. Die Sorge um die Armen spielt sicherlich ebenfalls eine Rolle, es drängt sich allerdings die Frage auf, ob Christentum und Marxismus brauchbare Antworten für deren Bekämpfung parat haben. Ich hege den Verdacht, dass Armut eigentlich beiden nicht unwillkommen ist. Nicht von ungefähr heißt es: „Not lehrt beten.“ Angehalten, ihren Zustand als gottgewollt zu dulden, dürfen die Armen auf Almosen von der Kirche und das Himmelreich hoffen. Damit schafft sie sich abhängige Schäfchen, löst jedoch das Grundproblem nicht. Damit will ich den Beitrag, den einige Christen zur Armutslinderung leisten, keinesfalls kleinreden. Dass Missionare der katholischen Kirche in Afrika aber nach wie vor gegen Verhütung predigen, lässt nicht gerade die Vermutung aufkommen, dass es der Kirche darum geht, Armut wirksam zu bekämpfen.

Almosen statt Problemlösung

Und die marxistischen oder dem Marxismus nahestehenden Parteien? Sie verfolgen eine ähnliche Strategie: Heilsversprechen und Almosen statt Problemlösung und das Wecken der Hoffnung, dass der Staat einen früher oder später erlösen werde. Das mag, wie man an den letzten Wahlerfolgen sieht, durchaus Wählerstimmen bringen, was in unserer vordergründig auf Individualismus und Freiheit bedachten Kultur besonders verwundert. Je mehr Almosen ein Staat verteilt und je mehr er eingreift, desto autoritärer wird er. Aber offenbar hatte Alexis de Tocqueville recht, wenn er feststellte, dass Menschen die Gleichheit in Armut der Freiheit mit gewissen Ungleichheiten vorziehen. Eine brauchbare Lösung für das Problem der Armut haben die Kommunisten jedenfalls keine.

Direkt in die Abhängigkeit

Das wirklich Gefährliche an Religionen und marxistischen Ideologien ist, dass sie den Menschen in die Abhängigkeit führen und ihm ein Ausgeliefertsein an äußere Gegebenheiten suggerieren. Im Christentum ist das Gottes Wille, bei Marx sind wir Marionetten in den Zahnrädern äußerer Systeme und Strukturen, die von diesen unausweichlich in den Klassenkampf getrieben werden. Um den aktuellen Problemen wie Inflation und einer beginnenden Rezession Herr zu werden, braucht es jedoch genau das Gegenteil eines Ausspielens von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Beide Seiten brauchen einander und müssen vernünftig kooperieren, um Lösungen zu finden. Populistische, klassenkämpferische Parolen sind gerade jetzt fehl am Platz. Verstaatlichung ist ebenfalls nicht dazu geeignet, Wohlstand zu generieren, denn sie geht meist einher mit Ineffizienz, Inflexibilität und weniger Innovationskraft.

Die Verbindung zwischen Marxismus und Christentum besteht also vorrangig in deren negativen Folgen. Interessanterweise sind die wohlhabenden Nationen dieser Erde weder besonders religiös noch kommunistisch. Kommunismus hat am Ende immer zu Armut, autoritären Regimen und Ungleichheit geführt. Wenn Aigner behauptet, dass das beim nächsten Mal sicher anders wird, begeht er einen fatalen Fehlschluss. Wie sagte Albert Einstein so schön: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

Mag. Astrid Schilcher (*1971) studierte in Graz Volkswirtschaft, führt mit ihrem Mann ein Consulting-Unternehmen, ist FH-Lektorin und Autorin.

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