Der Spectrum-Roman in Serie

Lieferdienst Wien: Mein Herz tanzt

Teil 38 von 52

… was bisher geschah: Fabian ist im Faschingsprinz, Ellis ist bei Fabian, ihre Mutter ist besorgt, Anis ist geschäftig, Byamba ist aufgewacht, Herr Stefanov ist mit dem Sinn des Lebens beschäftigt und wird nicht mehr von Koffein bestimmt.

Mein Herz tanzt“, singt Mia im Radio. Ellis bringt Fabian die kleine Packung Kaugummi, die er bestellt hat beim Lieferdienst Wien. „So frisch wie eine Zitrone?“, fragt dieser grinsend. Ellis sagt nichts. Fabian möchte sich doch nur wichtigmachen. Für einen Kaugummi muss er bloß über die Taborstraße zum Supermarkt gehen. Oder zum Bio-Supermarkt, der noch näher liegt. Dort könnte er Biokaugummi kaufen mit Xylitol aus Birkenrinde und sich von den überforderten Mitarbeiterinnen anpflaumen lassen. Das wiederum kann Fabian auch von Ellis haben. So sauer wie eine Zitrone, so bitter wie eine Bitterorange. Ellis ist sich nicht sicher, wie sympathisch Fabian wirklich ist. Mit Byamba ist er nicht zu vergleichen, auch wenn er Filmregie studiert an der Filmakademie in Wien.

Fabian möchte die Kassa beim Faschingsprinz nicht verlassen für Kaugummi oder Schokolade und Dosenbier. Erstens ist er allein im Geschäft, zweitens trägt er während der Arbeitszeit eine aufwendige Verkleidung aus dem Sortiment. Allein der Gang zur Toilette erfordert Planung! Heute ist er ein Pinguin mit gelbem Schnabel und roter Masche um den Hals. Zwischen Schnabel und Masche lugt sein Gesicht heraus. Fabian wirkt dabei so auf Ellis, als habe er mittlerweile vergessen, dass er ein Kostüm trägt. Fröhlich mampft er seinen Kaugummi. Jetzt muss Ellis doch lachen.

Ellis’ Mutter ruft an. Sie will wissen, wie es Tochter Lisa beim Studium geht. „Nenn mich nicht Lisa, Mutter“, raunzt Ellis entnervt. Ihre Familie zu Hause hat keine Ahnung vom Leben in der Stadt. Sie versteht nichts von Studium und Jobs und Lieferdiensten und Internet. Ellis rollt die Augen. Vielleicht ärgert sie sich gerade auch über sich selbst. Dass sie nicht in der Vorlesung sitzt, sondern tatsächlich Kaugummi an einen Pinguin liefern muss. Kaugummi! Fabian klebt an ihr, ihre Mutter klebt an ihr. Selbst die Arbeitsmontur ist nicht so atmungsaktiv, wie Anis immer behauptet.

„Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“, ruft Fabian plötzlich mit tiefer, ernster Stimme. Ellis blickt von ihrem Smartphone auf. „Heidegger“, ergänzt Fabian. „Warum ist überhaupt jemand und nicht niemand? Arendt.“ Da versteht Ellis, dass Fabian eine Vorlesung aus Philosophie nachspielt zur Beschwichtigung der mütterlichen Sorgen. „Lieber nichts als etwas. Schopenhauer“, sagt Ellis jetzt, halb zu ihrer Mutter und halb zu Fabian, und legt auf.

Herr Stefanov sitzt vor seinem Computer und spricht mit dem Chatbot von Sibylle Light, Bewusstseinsmentorin für Herzensmagie. „Warum ist nicht nichts, warum ist überhaupt etwas?“, tippt er die Frage des Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling in das Online-Formular. Der Chatbot antwortet umgehend: „Die Methode der light infusion, welche eigens von mir konzipiert wurde, leitet sich von trance healing ab. Dabei werden Heilfrequenzen durch mich als Medium, als Lichtquelle, zu dir als Empfänger hindurchgeleitet.“ Herr Stefanov fragt sich, ob das die Antwort auf seine Frage sein kann. Und ob das in korrektem Deutsch geschrieben ist. Aber Herr Stefanov ist kein Native Speaker. Die Herzensmagie findet ihre eigene Sprache, sicherlich.

Byambas Herz tanzt. Auch er beginnt nun einen neuen Tag beim Lieferdienst Wien. Fortsetzung folgt

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