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Rezepte aus der Alten Welt: Trost mit Brot und Schokostreusel

<strong>Eugene Ginter </strong>servierte diese Brote seiner Enkelin.
Eugene Ginter servierte diese Brote seiner Enkelin. Foto: Auschwitz-Birkenau Memorial Foundation
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Eugene Ginter und Michael Bornstein waren kleine Kinder, als sie nach Auschwitz verschleppt wurden. Gemeinsam mit anderen Überlebenden haben sie nun ein Buch mit Rezepten aus der Alten Welt verfasst, die ihnen geholfen haben weiterzumachen.

Erinnerungen an Auschwitz? Dazu appetitanregende Fotos von Gerichten und lachenden kochenden Senioren? Das Buch „Honey, Cake and Latkes: Recipes from the Old World by the Auschwitz-Birkenau Survivors“ bringt tatsächlich beides zusammen. Hier werden die Lebensgeschichten von Überlebenden des Konzentrationslagers erzählt, kombiniert mit den Geschmäckern und Gerüchen der Kindheit, die ihnen geholfen haben, am Leben zu bleiben und weiterzumachen. Das Buch ist während der Pandemie über Zoom entstanden, stiftete einen Sinn von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit unter den Überlebenden in einer Zeit, in der sie genau das vermissten. Idee und Finanzierung stammen von der Auschwitz-Birkenau Memorial Foundation unter der Leitung von Ronald S. Lauder.

Eugene Ginter schabt auf dem Foto im Kochbuch gerade Schokostreusel von einem Bock dunkler Schokolade. Das erste Rezept im Buch ist eines der einfachsten. „Ich war so dünn, ein schmales Gesicht mit riesigen abstehenden Ohren. Ich konnte nicht viel essen. Ich habe sofort alles erbrochen.“ Während Eugene erzählt, kämpft er immer wieder die Tränen nieder. 1939 in Krakau geboren, überlebte er die Konzentrationslager Plaszow und Groß-Rosen, das Arbeitslager Brünnlitz und Auschwitz-Birkenau. Eugenes Mutter, die mithilfe Oskar Schindlers überlebt hatte, fand ihren Sohn nach Kriegsende in einem Waisenheim wieder. „Sie gab mir Schwarzbrot mit Butter und gehobelter Schokolade obendrauf“, erzählt Eugene. So päppelte sie ihn auf. „Einer meiner Lieblingssprüche ist: Gott konnte nicht überall sein, also hat er Mütter gemacht.“ Bei der Bat Mizwa von Eugenes Enkelin wurde dieses Brot nach dem Rezept ihrer Urgroßmutter serviert.

Mengele sagte: „Weg mit dem Haufen“

„Ich hatte im Lager eine Lungenentzündung. Niemand konnte mir helfen. Meine Mutter und mein Vater mussten arbeiten gehen. Jeden Abend fragten sie sich, ob ich noch am Leben war.“ Im Winter kamen Züge von der Ostfront, beladen mit deutschen Soldaten. Deutsche Krankenschwestern stiegen in den Zug, um zu helfen, erinnert sich Eugene. Als sie die Gesichter der Soldaten berührten, fielen deren Nasen und Ohren ab. Die Krankenschwestern rannten davon, jüdische Ärzte und Krankenschwestern aus dem Lager meldeten sich, um den Soldaten zu helfen. „Und dann wurden sie vergast“, sagt Eugene.

Als das Lager Ende 1944 aufgelöst wurde, versteckte er sich. Jeden Tag wurden Kinder zusammengetrieben. „Dann nahmen sie mich und die anderen Buben mit, um uns nach Auschwitz zu verfrachten. Mein Vater trat vor und bat um die Erlaubnis, mit seinem Sohn sterben zu dürfen. Die Kommandeure sagten: ,Erlaubnis erteilt.‘ Andere Väter traten vor und baten um dasselbe.“ Es ging zunächst ins Konzentrationslager Groß-Rosen. „Sie wollten uns nicht nur töten, sondern auch demütigen. Sie zogen uns nackt aus und suchten alle Körperöffnungen ab.“ Die Kinder erhielten die viel zu langen Kleider anderer Häftlinge, und ihnen wurde ein „umgekehrter Irokesenschnitt“ verpasst. „Als wir schließlich in Birkenau ankamen, sahen wir aus wie Vogelscheuchen“, erzählt Eugene.

Dort traf er auf Josef Mengele. „Der Arzt Josef Mengele sagte: ,Weg mit dem Haufen.‘“ Eugene sagt diese Worte auf Deutsch. „Ich erinnere mich, dass ich in das Gesicht meines Vaters schaute und wusste, was passieren würde. Als wir in die Gaskammer gingen, war der Boden mit Fliesen bedeckt. So konnte er gewaschen werden. Die Menschen verrichteten vor Schreck ihre Notdurft und urinierten und übergaben sich. Ich hörte die Nagelstiefel eines Offiziers. Ich hörte das Klicken.“ Als sich Eugene umdrehte, sah er, dass Mengele ein Umschlag überreicht wurde: Eugene und sein Vater wurden in die Barracken zurückgebracht und tätowiert. Eugenes Vater war Elektriker, und er sollte die elektrischen Leitungen rund um das Lager überprüfen. Daher entkamen sie der Gaskammer.

Eugenes Vater wurde nach Mauthausen gebracht. „Sie zerrten ihn weg. Er hatte Würfelzucker aus dem Lagerhaus gestohlen, den er mir in die Taschen steckte. Er sagte mir, ich solle mich im Krankenlager verstecken. Die Deutschen würden dort nicht hingehen, weil sie Angst hätten, sich anzustecken.“ Eugene versteckte sich dort hinter einem Ofen, gemeinsam mit anderen Buben. „Einer der älteren meinte, dass ich an der Reihe sei, Wache zu stehen. Er war zehn Jahre alt. Ich war nur fünf. Ich stand also Wache und schlief dabei ein. Die Deutschen steckten das Krankenlager in Brand. Die Kranken verbrannten. Wir sahen den Rauch, rannten hinaus und wurden gefangen.“ Danach marschierten die Kinder als Teil eines Todesmarsches. „Ich war am Ende der Schlange, schaute zurück und sah Leichen.“ Wenig später wurde Eugene von sowjetischen Truppen befreit. „Ich war betrunken. Aber sie dachten, ich hätte mir das Genick gebrochen.“ Fast lacht Eugene. Mit einem anderen Buben hatte er einen Krug mit Schnaps oder Whisky gefunden. Sie aßen Würfelzucker und tranken den Alkohol. Die Soldaten brachten ihn in ein Krankenhaus. „Ich zitterte. Ich hatte Albträume, dass Männer in Uniform mich jagten. Die Nonnen schlugen mich, weil ich mich anpinkelte. Ich hatte Angst, und dann passierte es wieder.“ Schließlich holte ihn seine Mutter aus dem Waisenhaus ab, in dem Eugene gelandet war. „Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich auf dem Boden neben ihr schlief und mich an ihr festhielt. Um sicherzugehen, dass sie nicht verschwindet.“

1950 emigrierte Eugene mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten, ging zur Schule und wurde Ingenieur. Heute lebt er in New York. „Ich stotterte und hatte nervöse Zuckungen. Ich war traumatisiert“, sagt er. Er sei aber jetzt ein guter Redner. Er ist seit 50 Jahren mit Rachelle verheiratet, hat eine Tochter und zwei Enkelkinder. „Ich hatte keine andere Wahl, als mir ein Leben aufzubauen.“

»Michael Bornsteins Lieblingsgericht ist Nudelkugel, ein bei aschkenasischen
Juden beliebter
süßer Auflauf.«

Im Jänner 2020 wurde der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz begangen. Für diesen Jahrestag reisten mehr als 120 Überlebende des Konzentrations- und Vernichtungslagers und ihre Familienangehörigen aus der ganzen Welt dorthin. Für viele war es eine erste Rückkehr an den Ort, der ihr Leben geprägt hatte. Die Idee für „Honey, Cake and Latkes“ entstand kurz danach. Während der globalen Lockdowns fand anlässlich des Pessach-Fests ein erstes virtuelles Folgetreffen statt. Die Teilnehmer tauschten sich dabei mit Begeisterung über ihre beliebtesten Speisen aus. Ab da sah man sich alle zwei Wochen über Zoom und unterhielt sich über Familienrezepte. So entstand die Ansammlung von Rezepten aus der Alten Welt, kombiniert mit Erzählungen von Trauma und Verlust, Neuanfängen und Hoffnung. Die Erinnerungen an das Lieblingsessen der Kindheit führten bei den Überlebenden zu einem neuartigen Prozess der Traumaverarbeitung. Sie begannen sich an Erlebnisse zu erinnern, die bis dahin unter Verschluss geblieben waren.

Michael Bornsteins Lieblingsrezept aus der Kindheit ist Nudelkugel, ein bei aschkenasischen Juden beliebtes Gericht. Der süße Auflauf besteht aus Eiernudeln, Bröseln, braunem Zucker, Zimt, Butter, Cream Cheese, vielen Eiern und Milch. „Ich esse gern. Ich kam aus Auschwitz und war verhungert, bestand nur noch aus Knochen“, erzählt Michael. Nudelkugel wird heute anlässlich der meisten Familienfeste und Feiertage zubereitet. Michael brauchte einige Anläufe, um das Rezept genau so hinzubekommen, wie es bei seiner Mutter geschmeckt hatte. „Nach einiger Zeit habe ich es geschafft! Leider versuche ich im Moment, etwas Gewicht zu verlieren.“ Anlässlich des Geburtstags einer Enkelin und auch des bevorstehenden Vatertages wird das Gericht aufgetischt.

Unter den Jüngsten der Kinderbaracke

Michael Bornstein kam am 2. Mai 1940 in Zarki, Polen, auf die Welt. Hier florierte eine große jüdische Gemeinde. Im Juli 1944 wurden Michael, seine Eltern, sein älterer Bruder und die Großeltern nach Auschwitz deportiert. „Einer meiner Großväter erstickte in dem Viehwaggon“, sagt Michael. In Auschwitz angekommen, gab es ein Auswahltor. „Mein Vater und mein Bruder gingen zu der Seite, wo die Männer hingingen. Meine Großmutter, meine Mutter und ich gingen auf die Seite der Frauen.“ Kurz darauf wurden sein Vater und sein Bruder vergast. Michaels Mutter wollte sich umbringen, als sie davon erfuhr. „Aber sie musste mich beschützen, also tat sie es nicht.“

Der vierjährige Michael war in den Kinderbaracken einer der Jüngsten. „Wir hungerten. Die Älteren nahmen mir meine Brot­rationen weg. Meine Mutter machte sich große Sorgen. Sie schlich sich zu mir, obwohl sie dafür geschlagen wurde.“ Sie schmuggelte ihn ins Frauenlager, wo er sich den ganzen Tag unter Stroh versteckte, während die Frauen arbeiteten. „Ich war vier Jahre alt und schaffte es, mucksmäuschenstill zu sein.“ Danach wurde seine Mutter nach Österreich zur Arbeit in einer Munitionsfabrik geschickt. „Ich war ziemlich krank. Meine Großmutter Dora kümmerte sich ab dann um mich. Ich versteckte mich auf einer Krankenstation, verlor meine Haare.“ So entgingen Michael und seine Großmutter einem Todesmarsch, den sie aufgrund ihres schwachen Zustandes wohl nicht überlebt hätten.

Dann befreiten sowjetische Soldaten Auschwitz. Michael ist auf einem Foto mit anderen Kindern abgelichtet. „Die Sowjets haben tatsächlich ein paar Wochen gewartet, bevor sie die Fotos gemacht haben. Sie fütterten uns zuerst. Wir sahen also etwas besser aus als direkt bei der Befreiung.“ Michael und seine Tochter suchten lang nach dem Foto und fanden es schließlich auf einer Website von Holocaust-Leugnern. „Diese Leute schrieben auf der Website, dass die Kinder auf dem Foto nicht schlecht aussähen, dass Auschwitz nicht so schlimm war. Juden hätten das erfunden“, sagt Michael. Aus diesem Grund beschloss er, gemeinsam mit seiner Tochter das Buch „Survivors Club“ zu schreiben, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. 1951 emigrierte Michael mit seiner Mutter in die Vereinigten Staaten. Er studierte Pharmakologie und analytische Chemie, hat vier Kinder und zwölf Enkelkinder. Er fühlte sich zunächst völlig fehl am Platz, ohne Vater und mit der tätowierten Nummer B1148 auf dem Arm. Er hatte einen Kiddusch-Becher aus seiner Heimatgemeinde Zarki mitgebracht, außerdem besaß er eine Armbanduhr, die ihm seine Mutter geschenkt hatte. „Auf der Rückseite befindet sich eine hebräische Inschrift: Auch dies wird vorübergehen.“

Stella

Schuhmacher

Geboren 1972 in Salzburg, Studium der Romanistik, Ausbildung an der Diplomatischen Akademie. Arbeitete für UNO und Weltbank im Bereich Kinderschutz und Frauenrechte. Lebt seit über 20 Jahren in den USA. In regelmäßigen Abständen berichtet sie hier von Überlebenden des Holocaust und vom jüdischen Leben in New York. (Pro Image Photo)

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