Der Spectrum-Roman in Serie

Lieferdienst Wien: Schwarzer Kaffee

Michael Bihlmayer/Imago
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Teil 39 von 52

… was bisher geschah: Ellis’ Mutter macht sich Sorgen um den Verbleib ihrer Tochter. Und vielleicht hat sie recht damit: Wer täglich mit dem Fahrrad Waren ausliefert, hat keine Zeit, Vorlesungen zu hören oder sich die Leviten lesen zu lassen. 

Boss Anis ist in der Zentrale des Lieferdienst Wien stark beschäftigt. Er hat vierzehn Hände und siebzehn Beine, und alles das passt in ein Outfit aus Jeans-Stretch. Eine Brosche in Form einer metallenen Zitrone und sein ausgestellter Habitus, breitbeiniger Sitz und zurückgegeltes Haar, machen ihn als Chef dieses Ladens kenntlich. Die Zahlen, die auf dem Computerbildschirm aufpoppen, geben Anlass zur Sorge, aber Anis hat alles unter Kontrolle. Er weiß aus seinen Weiterbildungskursen bei WIFI und AMS, dass die ersten zwei Jahre nach Unternehmensgründung von Verlusten gekennzeichnet sind. Es dauert, bis sich die Prozesse eingespielt haben und man eine erste Erfolgsprognose wagen kann. Byamba winkt freudig von draußen durch die Glastür herein. „Der mongolische Casanova“, knurrt Anis und öffnet ihm mit süßlichem Lächeln.

Hanna schrickt auf. Ihr Telefon klingelt. Heute ist doch ein neuer Arbeitstag! Hanna hat alles um sich herum vergessen. Bei Peter sitzt sie vor der Votivkirche und trinkt ihren Cappuccino aus dem Pappbecher. Gerade noch hat er ihr von einer älteren Frau erzählt, die jeden Tag zum Cafétscherl-Wagen kommt, um schwarzen Kaffee zu bestellen. Jedes Mal, wenn sie den Becher in die Hand bekommt, fragt sie: Ist der auch wirklich ohne Milch? Und Peter muss ihr dann versichern, ohne Milch, wie jeden Tag, Frau Cerny. Ihr Name, geschrieben černý, gesprochen tscherni, heißt auf Tschechisch übrigens schwarz. Das ist Frau Cernys tägliche Kaffeeperformance! Hanna hat daraufhin lachend erzählt, dass ihre Großmutter Rosa Schwarz hieß, und dass eine ihrer Cousinen Schneeweiß heißt. Aber da hatte bereits das Telefon geklingelt, und Ellis’ Mutter war dran gewesen.

Byamba bekommt seine tägliche Ladung Ärger, Stress und Traurigkeit verabreicht durch Boss Anis. Unter Mitarbeitermotivation versteht jeder Betriebsführer etwas anderes. Die Lieferboten müssen schließlich angetrieben werden, und Byamba ist im Moment der einzige in der Zentrale. Wäre er ein Kind und Anis sein Erzieher, würde man schwarze Pädagogik dazu sagen, gänzlich ohne Milch. Ohne Zuckerbrot, aber mit verbaler Peitsche.

Anis nennt Byamba Adressen von Favoriten bis Floridsdorf, von Liesing nach Döbling, vom Innersten der Inneren Stadt bis Transdanubien und ans Äußerste der Donaustadt. Transportiert werden soll heute einmal alles: Getränke, Convenience Food, sogar Bücher und Blumen. Essen auf Rädern und Expresspakete. Pizza und kleine Frachtgüter. Teile eines Fertigteilhauses aus der Blauen Lagune in Wiener Neudorf und das überdimensionierte Hochzeitskleid einer Chinesin, die im Sacher wohnt und in Hallstatt heiraten will. Byamba schüttelt den Kopf. Zumindest versuchen will er es. Wie ein Wal, ein Wolf, ein Falke. Bis zum Meer und an den Strand. Über die Steppe zu den Nomaden. Zum Himmel hinauf. Durch die Steppen Ostasiens. Den Fluss Selenga entlang und Ider und Orchon und Tuul. Vom Changai-Gebirge und bis zur Wüste Gobi. Vom Onon bis zum Cherlen, vom Chentii-Gebirge bis zum Amur.

„Hanna, wo seid ihr?“ Ellis’ Mutter hat nachgeforscht. Sie hat mit Moritz gesprochen und den Lieferdienst Wien kontaktiert. Lisa und Johanna sind eigentlich in Wien, um zu studieren. Stattdessen fahren sie Fahrrad, lieben Mongolen und wählen Grün. Fortsetzung folgt

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