Buch der Woche

Wie man sich nach oben prügelt

Ging 2022 ins Exil: Viktor Jerofejew, geboren 1947.
Ging 2022 ins Exil: Viktor Jerofejew, geboren 1947.Foto: Julia von Vietinghoff
  • Drucken

Wie konnte es in Russland nur so weit kommen? Durch eine jahrhundertelange Gewaltgeschichte und einen halbstarken Herrscher. Viktor Jerofejews Roman „Der große Gopnik“ ist voll scharfer soziologischer Beobachtungen und drastischer Passagen.

In einer Welt, in der nachts ein „Kleiner Stalin“ durchs Fenster gekrochen kommt, kann man sich auch einen russischen Adler vorstellen, der, vom Präsidenten höchstpersönlich ausgesandt, durch dieselben Fenster späht. An den von Viktor Jerofejews migrantischen Schreibstuben würde dieser Adler vermutlich verstreute Papierstapel, halb beschriebene Hefte, Post-its wie Schichttorten ausmachen; er würde abdrehen und Putin krächzend Bericht erstatten: voll verrückt, der Alte, alles durcheinander! Nichts zu befürchten! Putin würde zufrieden nicken. Und nichts verstanden haben. Er liest nicht, das dürfen wir Jerofejews beißendem Roman entnehmen – denn Putin ist ein Gopnik, von allen der größte. Gopnik: Das ist ein Slangausdruck für Halbstarke aus dem Hinterhof, die sich ihren Ruf in ihrer Jugend erprügeln. In Jerofejews Worten: „Sie können allzu schlaue Leute nicht ausstehen . . . sie verhöhnen Feinde, und nicht nur das. Sie schonen sie nicht, wenn sie schon am ­Boden liegen.“

Autoprobleme an der EU-Grenze

Der Adler hätte schon recht, Viktor Jerofejews jüngstes Werk ist vermutlich aus zusammengefügten Stücken entstanden. Manche Wiederholungsschleife wirkt wie aus einem Gespräch entstanden, Erinnerungen reihen sich an phantasmagorische Passagen, Patenkinder der wüsten Ballnächte aus Michail Bulgakows „Meister und Margarita“ – dazwischen ist man lesend mit dabei, wie Jerofejew – hier darf man die Autobiografie im Gegensatz zu den Mord-und-Porno-Stellen wohl wörtlich nehmen – mit seiner Familie im Auto 2022 die Grenze zu Finnland überquert. Mit dem Beginn des Kriegs ist kein Bleiben mehr in Russland. Die finnischen Grenzbeamten machen ein Drama um die fehlenden Spikes am Auto: Europa, ein Kontinent im Vorschriftenrollstuhl. Das Auto muss um teures Geld in die EU abgeschleppt werden.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.