Interview

Erika Freeman und Dirk Stermann: „Der Herrgott ist ein netter Kerl, nur Geduld muss man mit ihm haben“

Jeden Mittwoch haben Dirk Stermann und Erika Freeman ihren Jour fixe im Café Imperial.
Jeden Mittwoch haben Dirk Stermann und Erika Freeman ihren Jour fixe im Café Imperial.Clemens Fabry
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Als zwölfjähriges Mädchen floh Erika Freeman allein vor den Nazis nach New York und wurde zu einer der angesehensten Psychoanalytikerinnen der USA. Dirk Stermann hat über ihr außergewöhnliches Leben ein Buch geschrieben. „Die Presse“ sprach mit beiden.

Die Presse: Frau Freeman, schon als kleines Kind war für Sie das Wichtigste, dass sich Ihre Mutter für Sie nicht schämen muss und Sie ihr nicht zur Last fallen. Empfanden Sie sich als Last?

Erika Freeman: Ja. Meine Mutter hatte ohnehin ein so schweres Leben. Mein Vater war schon früh ins KZ gekommen. Darum wollte ich ihr immer helfen und keine Belastung für sie sein.

Hat sie Ihnen denn je dieses Gefühl gegeben?

Freeman: Niemals. Ich kann mich an eine Szene erinnern: Wir wohnten damals in einer sehr kleinen Wohnung mit sechs fremden Menschen zusammen. Meine Mutter war Zionistin und traf sich abends immer mit ihren zionistischen Freunden. Einmal habe ich gehört, wie ein Mitbewohner zu ihr sagte: „Und deine Tochter lässt du hier? Macht sie keine Probleme?“ „Überhaupt nicht“, sagte meine Mutter. „Meine Tochter ist kein Problem. Sie liest ihr Buch und schläft ein.“

Hatten Sie Angst, wenn Ihre Mutter Sie allein zurückließ?

Freeman: Nein, Angst zu haben hat sie mir nie beigebracht.

Ihre Mutter hat Sie mit zwölf Jahren nach New York geschickt, um Sie vor den Nazis zu schützen. Sie brachte Sie zum Bahnhof und sie blieb vor Ihrem Abteilfenster stehen, bis der Zug abfuhr. Sie aber haben sie keines Blickes mehr gewürdigt, ihr auch nicht gewinkt.

Freeman: Ganz furchtbar. Das belastet mich immer noch. Sie hat mich von draußen angeschaut, aber ich kam nicht zum Fenster.

Hätten Sie sonst den Abschied von ihr nicht ertragen?

Freeman: Wahrscheinlich. Ich habe nichts gespürt. Es hat alles so wehgetan, dass es nicht einmal mehr wehgetan hat. Es war zu viel.

Haben Sie ihr geschrieben, als Sie in New York angekommen waren?

Freeman: Nein, ich hab ihr sehr lang nicht geschrieben. Und als ich ihr dann endlich schrieb, war es zu spät. Der Brief kam zurück. (Anm.: Freemans Mutter starb am 12.März 1945 bei einem Bombenangriff in Wien.)

Dirk Stermann: Das verstehe ich nicht. Du bist ein Mensch, der immer schreibt. Du hast dein Notizbuch immer bei dir. Ich dachte, das Erste, was du machst, wenn du in Amerika angekommen bist, ist, dass du deiner Mutter schreibst. Aber das konntest du nicht.

Freeman: Weil ich fertig war. Ich wollte alle Türen schließen zu dem Land, das uns so gehasst hat. Und heute weiß ich, dass ich auf meine Mutter böse war, weil sie mich weggeschickt hat. Das habe ich erst viel später begriffen, als mir meine Tante, die den Krieg überlebt hat, erzählte: „Ich habe deine Mutter damals gezwungen, dich wegzuschicken.“ Da fiel mir ein Stein vom Herzen. Unbewusst hatte ich bis dahin das Gefühl gehabt, dass mich meine Mutter nicht wollte.

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