Kindesentführung

1Flugbetrieb nach beendeter Geiselnahme in Hamburg wieder angelaufen

Spezialkräfte der Polizei am Sonntag am Hamburger Flughafen im Einsatz.
Spezialkräfte der Polizei am Sonntag am Hamburger Flughafen im Einsatz. APA / dpa / Bodo Marks
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Nach einem Sorgerechtstreit war ein Mann am Samstagabend mit seinem Auto und seinem vierjährigen Kind auf das Vorfeld des Airports gerast. 18 Stunden später wurde die Geiselnahme beendet, der Airport ist wieder geöffnet.

Nach dem Ende der Geiselnahme am Hamburger Flughafen ist am Sonntag der Flugbetrieb wieder angelaufen. „Der Flughafen hat wieder geöffnet“, sagte ein Airport-Sprecher am Abend der Deutschen Presse-Agentur. Laut der Website flightradar24.com landete als erstes Flugzeug eine Eurowings-Maschine aus Hannover.

Der Flughafen rechnet für Montag weitestgehend mit Normalbetrieb, es sind 152 Starts und 162 Landungen geplant. Vereinzelt kann es den Angaben zufolge jedoch weiterhin vorkommen, dass Flüge gestrichen werden oder sich verzögern. „Daher werden Fluggäste und Abholende gebeten, sich laufend über den aktuellen Status ihres Fluges zu informieren und bei Bedarf ihre Airline oder den Reiseveranstalter zu kontaktieren“, heißt es in der Mitteilung.

Vierjähriges Mädchen befreit

Die Geiselnahme eines vierjährigen Mädchens hatte zuvor am Sonntagnachmittag nach mehr als 18-stündigem Nervenkrieg ein gutes Ende genommen. Die Polizei nahm auf dem Vorfeld des Hamburger Flughafens den bewaffneten Geiselnehmer, der seine Tochter seit Samstag in seiner Gewalt hatte, fest. Er leistete keinen Widerstand. „Der Tatverdächtige hatte zusammen mit seiner Tochter das Auto verlassen“, schrieb die Polizei auf X, früher Twitter. „Das Kind scheint unverletzt zu sein.“

Damit ging eine Geiselnahme zu Ende, die am Samstag im nahe gelegenen Stade begonnen hatte. Von dort war der 35-Jährige zum Hamburger Airport gefahren. Am Flughafen durchbrach er gegen 20 Uhr mit seinem Auto, in dem auch seine Tochter saß, eine Absperrung am Tor zum Vorfeld des Airports. Er schoss auf dem Gelände in die Luft und warf Brandsätze aus dem Wagen. Mehr als 18 Stunden lang stand sein Auto danach neben einer Maschine der Turkish Airlines. Über Stunden versuchte die Polizei, die Geiselnahme unblutig zu beenden - am frühen Sonntagnachmittag schließlich mit Erfolg.

Flugbetrieb ruhte

Für die Polizei Hamburg war es laut Innensenator Andy Grote „einer der längsten und herausforderndsten Einsätze der jüngeren Geschichte“. Er danke allen Kolleginnen und Kollegen der Polizei für ihre starke Leistung.

Vorausgegangen war laut Polizei wohl ein Sorgerechtsstreit mit der Mutter. Die Ehefrau des Geiselnehmers, die sich in Stade bei Hamburg aufgehalten haben soll, hatte sich nach Angaben eines Sprechers wegen möglicher Kindesentziehung bei der Landespolizei gemeldet. Bereits die ganze Nacht wurde verhandelt. Es wurde auf Türkisch gesprochen, sagte Levgrün, die während des Einsatzes betonte: „Wir setzen hier auf eine Verhandlungslösung.“

Der Flughafen war am Sonntag weiträumig gesperrt gewesen. Die Zahl der gestrichenen Flüge stieg stetig. Nach Angaben des Flughafens vom Sonntagvormittag waren seit dem eigentlichen Betriebsbeginn um 6 Uhr bis 11 Uhr bereits 126 Flüge gestrichen worden. Fünf Ankünfte seien zu anderen Flughäfen umgeleitet worden. Für den gesamten Tag waren eigentlich 286 Flüge - 139 Abflüge und 147 Ankünfte - mit rund 34.500 Passagieren geplant. Bereits am Samstag waren 27 Flüge mit rund 3.200 Passagieren betroffen.

Großeinsatz am Hamburger Flughafen
Großeinsatz am Hamburger FlughafenAPA

Kritik an Sicherheitsstandards

Bereits im Oktober war der Hamburger Flughafen gesperrt worden, damals allerdings wegen einer Anschlagsdrohung auf eine Maschine von Teheran nach Hamburg. Im Juli hatten Klimaaktivisten der Gruppe Letzte Generation den Hamburger Flughafen für Stunden lahmgelegt. Damals hatte es Forderungen nach einer Verstärkung der Sicherheit gegeben. Der Flughafen Hamburg sieht aber trotz Geiselnahme keine Versäumnisse bei der Sicherung des Geländes. „Die Sicherung des Geländes entspricht allen gesetzlichen Vorgaben und übertrifft diese größtenteils“, sagte eine Flughafensprecherin.

Gleichwohl gab es aber auch Kritik an den Sicherheitsstandards an deutschen Flughäfen. Der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) etwa reicht das bisherige Vorgehen nicht mehr. „Es ist nur schwer vermittelbar, dass etwa Weihnachtsmärkte mit Betonbarrikaden gesichert werden, und unsere Flughäfen werden als Hochsicherheitsbereiche von Betreibern stiefmütterlich behandelt“, sagte DPolG-Bundesvize Heiko Teggatz.

Im „Spiegel“ sagte der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt: „Der Hamburger Flughafen ist nicht sicher - und andere Airports in Deutschland auch nicht.“ Flughäfen seien seit Jahrzehnten als bevorzugte Angriffsziele für Terroristen bekannt. Auf den Vorfeldern stünden Maschinen mit Zehntausenden Litern Kerosin im Bauch und Hunderten Passagieren an Bord.“ Großbongardt bezeichnete daher die Flughafenbetreiber und Behörden als „unfassbar naiv“.

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