Am Herd

Das Leben ist ein mieser Erzähler

Wir stellen zu hohe Ansprüche an das Leben, was seine Fähigkeiten als Erzähler betrifft. Der Alltag plätschert unspektakulär vor sich hin, der Spannungsbogen macht sinnlose Sprünge, und man wartet zu lang auf das Happy End.

Neulich saß in der Straßenbahn hinter mir eine Familie: Vater, Mutter, kleiner Sohn. Sie sprach mit dem Kind Italienisch, deshalb fielen sie mir auf, ich liebe dieses melodiöse Auf und Ab. Er redete Wienerisch, das mag ich eigentlich auch. Ich hoffe nur, was er gesagt hat, ist nicht auch typisch Wienerisch, das wäre schade.

Wir fuhren die Alser Straße entlang, vorbei an einem großen Schuhladen, wer diese Strecke kennt, weiß, welchen ich meine. „Es gibt eine tolle Geschichte über das Geschäft“, sagte der Vater zum Sohn. „So toll ist die nicht“, sagte die Frau. „Doch, die ist super“, beharrte der Mann. „Die Mama hat dort einmal Stiefel gesehen, die sie wunderschön gefunden hat. Wirklich wunderschön. Sie ist immer wieder daran vorbeigegangen, eine Woche, zwei, immer wieder hat sie diese Stiefel angeschaut. Jedes Mal, wenn sie nach Hause ging, blieb sie stehen …“ „Und dann?“, fragte der Sohn, der wohl fand, dass sein Vater zu umständlich formulierte. „Eines Tages wollte sie die Schuhe kaufen, und sie waren weg.“

Was war geschehen?

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