Kommentar

Schau mal, wer da hämmert: Der Venus-Angriff ist der Tiefpunkt der Aktivisten-Verrohung

Die letzte Aktion ging gegen ein Gemälde von Diego Velázquez.
Die letzte Aktion ging gegen ein Gemälde von Diego Velázquez.Kristian Buus / Getty Images
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Die einzige Nackte, die Velazquez je malte, ist bis auf weiteres nicht mehr zu sehen: Die berühmte „Rokeby Venus“ hat kleine Schäden vom Angriff zweier Klima-Aktivisten davongetragen. So rücksichtslos agierten sie noch nie.

Es ist dermaßen roh und brutal, dass es einem den Magen beim Zusehen zusammenzieht: Die Bilder der zwei Klima-Aktivisten, die mit zwei Rettungshämmern auf das Gemälde „Venus vor dem Spiegel“ eindreschen, gingen um die Welt. Einmal wieder. Ihre Botschaft, „Just Stop Oil“, war wieder für ein, zwei Tage in den Schlagzeilen. „Just Stop damaging our Art“ kann man nur entgegnen. Hände weg vom Kulturerbe, das seit Generationen bewahrt wird. Es sollte nicht weniger wert sein als das Erbe der Natur, das dieser Letzten Generation so wichtig ist. Der Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer beschrieb dieses Verhältnis unlängst für die „Presse“ als ein zumindest bemerkenswert verdrehtes: Nicht mehr die Mutter Natur soll sich um uns kümmern heute. Sondern wir, die Kinder, uns um die Mutter.

Die Attacke in der National Gallery in London stellt jedenfalls den bisherigen Tiefpunkt der Aktionen dar, die Klima-Aktivisten in den vergangenen Jahren in Museen abhielten. Bisher achteten sie zumindest darauf, dabei die Oberflächen der Werke nicht tatsächlich zu beschädigen, klebten sich an die Rahmen, ans Schutzglas fest oder beschütteten es mit Farbe oder Suppe. Auch nicht sonderlich förderlich für den Erhalt von Gemälden, die gewöhnlich auch vor Erschütterungen jeglicher Art zu bewahren versucht werden. Was allein der Aufprall der Hämmer für solche erzeugt haben muss, kann man sich vorstellen.

Betrachtet man die zehn Einschläge, die wie zehn Einschüsse aussehen, ist anzunehmen, dass die Oberfläche dahinter gewisse Schäden erlitten haben muss. Wiener Museen und deren Restauratorinnen wollen aus Sicherheitsgründen dazu keine Stellung geben. Eine Sprecherin der National Gallery bestätigte am Dienstag zumindest „minimale“ Beschädigungen. Die Venus verschwand bis auf weiteres in die Restaurierwerkstätte. Wann sie von dort wieder auftauchen darf, ist unklar.

Es ist nicht das erste Mal, dass diese untypisch schlanke Venus, das einzige große Akt-Gemälde, das Velazquez unter der spanischen Inquisition schaffen konnte, Aggression ausgesetzt war. Das wussten auch die Aktivisten. Sie beriefen sich dezidiert auf die britische Frauenrechtler – damals hieß das Suffragette – Mary Richardson. 1914 zerschlug sie das Schutzglas mit einem Fleischerbeil und fügte dem Rücken der Venus einige tiefe Schnitte zu.

„I have tried to destroy the picture of the most beautiful woman in mythological history as a protest against the Government for destroying Mrs Pankhurst, who is the most beautiful character in modern history. Justice is an element of beauty as much as colour and outline on canvas“, schrieb Richardson damals. Gemeint war Emmeline Pankhurst, die in Großbritannien die Frauenbewegung anführte und damals gerade in Haft in Hungerstreik getreten war. Was waren die Reaktionen damals? „Slasher Mary“ bekam Kritik von konservativeren Suffragetten-Organisationen, die ihre Ignoranz anprangerten und den Geist der Rache, der dahinter steckte. Vor allem aber schlossen alle großen Museen Londons damals zwei Wochen die Tore. Wenn das heute geschähe. Wenn Klima-Aktivisten dieser Verlust in Rechnung gestellt würde. Inklusive der Sicherheitsmaßnahmen, die eingeleitet und aufrechterhalten werden mussten rund um die Welt. Dann hätte das Kleben und Hämmern wohl endlich ein Ende.

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