Gastkommentar

Die Welt im Aufruhr, und wir streiten um Heizungen

Peter Kufner
  • Drucken
  • Kommentieren

Jeder Konflikt im Nahen Osten, jeder Angriff auf eine Pipeline zeigt aufs Neue, wie riskant und naiv unsere Planungen sind.

Darf ein Physiker eine psychologische oder eher soziologische Beobachtung machen? Er versucht es: Einer mäßig großen, aber einflussreichen Gruppe von quasireligiösen Idealisten, eher Dogmatikern, die sich für Idealisten halten, ist es heute nicht mehr möglich, à la longue die aufgeklärte Bevölkerung einzulullen. Die Menschen brechen aus dem ideologischen Käfig aus. Das war in den Religionskriegen um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit noch anders: Man konnte die Menschen „mitnehmen“, wie es im Soziologen-Sprech heißt, konnte sie zu Handlungen veranlassen, die letzten Endes ihnen und ihren Mitmenschen schadeten.

Heute ist es nicht ganz so schlimm: Es geht „nur“ um unsere wirtschaftliche Zukunft. Doch wer kann wissen, ob sich in der Folge eines wirtschaftlichen Niedergangs nicht wieder ideologische Idealisten an die Spitze des Volkes stellen?

Manche Politiker und Politikerinnen denken zweifellos, gescheiter und hellsichtiger als „das Volk“ zu sein; sie müssten dem Volk daher die Richtung vorgeben. Ich denke immer an die mittlerweile fast überall in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und ihren Satelliten abgebauten Lenin-Statuen – Lenin hatte seine ausgestreckte Hand wegweisend in die Ferne gerichtet. Das Positive: Wir leben in Demokratien; wenn heute Politikerinnen und Politiker merken, dass die Bürger ihnen bei der nächsten Wahl einen Denkzettel verpassen könnten, dann sind sie fähig zurückzurudern – jede/r muss ja auch an ihre/seine eigene Zukunft denken.

Der deutsche Wirtschaftsminister hat allerdings seine Entscheidung zur Schädigung der deutschen Wirtschaft und vor allem auch des Klimas durch Abschaltung der letzten noch laufenden AKWs und Wiederhochfahren von Braunkohlekraftwerken noch nicht rückgängig gemacht; in Deutschland hinkt man heutzutage den Zeichen der Zeit, sprich des Bürgerwillens, hinterher. Deshalb sind seine Felle am Wegschwimmen, wie die jüngsten Wahlen in einigen deutschen Bundesländern gezeigt haben.

Das EWG in der Versenkung

In Österreich hingegen hat sich unsere Regierung entschlossen, ihre Felle nicht ganz so schnell wegschwimmen zu lassen, und hat wesentliche Passagen des EWG, des lang bemauschelten Erneuerbare-Wärme-Gesetzes, in der Versenkung verschwinden lassen. Dieses Gesetz hätte uns alle, die wir Etagenheizungen in Mehrfamilienhäusern oder die Heizungen von Einfamilienhäusern betreiben, gezwungen, diese unter oft großen Kosten auszutauschen, kaum zumutbar für ältere Bewohner.

Noch im Juli („Die Presse“ vom 7. Juli 2023) hatte ich gefürchtet, dass die Regierung dieses bürgerschädliche Gesetz aus ideologischen Gründen durchpeitschen würde. Nun wurden also die besonders ideologiegetriebenen und mehrheitsfeindlichen Teile im Entwurf des Erneuerbare-Wärme-Gesetzes „schubladisiert“, unsere Regierung kann sich noch vernünftig zusammenraufen und unsere Umweltministerin bekennt, sie habe sich an die Realität angepasst – das lässt uns hoffen.

„Dümmste Klimapolitik“

Doch bevor wir unsere Gas- und Ölheizungen liquidieren, sollten wir beschließen, woher wir den Strom hernehmen wollen. Die Physik geht bei diesem „Religionskrieg“ unter: Wir wundern uns seit Jahren, woher der Strom für all die Wärmepumpen, schlimmer noch: für Elektrostrahler und Infrarotheizungen kommen sollte, wo doch ohnehin viel mehr Strom als bisher in die beim Ankauf von Kraftfahrzeugen noch unsinnigerweise geförderte Elektromobilität gehen soll. Nur unter kräftigem Einsatz der Kernenergie, aber wollen wir das? Dann müssen wir uns auch dazu bekennen, und dies kann ich bisher – jedenfalls in „deutschen Landen“ – nicht feststellen; wir machen laut „Wall Street Journal“, wie ja oft zitiert wird, die dümmste Klimapolitik der Welt.

Bevor wir unsere Gas- und Ölheizungen liquidieren, sollten wir daher beschließen, woher wir den Strom für die Wärmepumpen, Elektrostrahler und Infrarotheizungen und auch für die Elektromobilität hernehmen wollen. Vielleicht doch aus der Kernenergie?

Aber werden wir nicht bald Strom aus Wasserstoff gewinnen, aus sogenanntem grünen Wasserstoff, den wir von unseren arabischen Freunden in der Wüste aus Sonnenlicht in Elektrolyseuren erzeugen lassen und dann auf bis dato noch ungeklärte Weise nach ­Europa schaffen? Jeder Konflikt in dieser Weltgegend zeigt uns aufs Neue, wie riskant, ja naiv diese Hoffnung ist.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

>>> Mehr aus der Rubrik „Gastkommentare“

Die Blamage mit „Desertec“, dem Stromprojekt in der nordafrikanischen Wüste, an das sich einige in unserem kurzlebigen Informationszeitalter vielleicht noch erinnern, sollte eigentlich ein – noch harmloses – Menetekel sein. Fast nostalgisch kann man sich an diesen Flop erinnern, der anders als die gegenwärtigen Konflikte keine Menschenleben gekostet hat.

Ganz abgesehen von der zweifelhaften Freundschaft mit den Um- und Einwohnern der sonnenreichen Zonen: Allein der Transport des Wasserstoffs lässt einem Metallphysiker wie mir die Haare zu Berge stehen; doch über den „Wasserstoff-Hype“ habe ich schon mehrmals in den letzten Jahren in verschiedenen Tageszeitungen geschrieben, und auch Matthias Auer hat in der „Presse“ das Thema am 25. Juni 2023 eingehend behandelt.

Vielleicht lässt sich ja Wasserstoff durch Ammoniak ersetzen, doch dazu ist noch einiges zu klären. Eher ist zu befürchten, dass uns „grauer“ statt „grüner Wasserstoff“ untergejubelt werden wird, der ganz konventionell aus Erdgas erzeugt wurde, wie das schon heute klima- und ressourcenschädigend geschieht.

Natürlich müssen wir raus …

Um nicht missverstanden zu werden, muss man immer wieder be­tonen: Natürlich müssen wir raus aus den „Fossilen“, schon allein, um sie nicht zu verheizen, sondern für wertvollere Zwecke aufzubewahren.

Doch mit Maß und Ziel: Man kann nämlich die Klimafolgen dieser Untaten auch einbremsen, indem man Maßnahmen setzt: Dämme gegen den steigenden Meeresspiegel, Vermeidung von Bauten in potenziell gefährdeten Gebieten, vielleicht sogar CCS (Carbon Capturing and Storage, also Bindung des CO2 in geeigneten Substanzen und Einlagerung im Boden), wohin es allerdings meiner Ansicht nach noch ein langer Weg ist. Und auch Anpassung an die höheren Temperaturen. Und vielleicht sogar Sparen!

… aus den Fossilen

Vor Kurzem gab es amüsante großformatige Werbeanzeigen der Austrian Airlines, die behaupteten – ich vereinfache die Werbesprüche etwas –, mich mit dem Bratenfett, das in meiner Pfanne übrig bleibt, um die Welt fliegen zu können. Und die Werbung von Volkswagen, die jetzt ganz auf die E-Mobilität aufspringen wollen und sich trotzdem kein Jota darum scheren, woher der Strom dafür eigentlich kommen soll.

Auch der Verbund wirbt immer noch mit „reinem Wasserstrom“, obwohl er uns Kunden belehrt hat, dass leider die letzte Kilowattstunde kein Wasserstrom ist und er daher die Strompreise ungefähr verdreifachen musste. 

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Der Autor

Privat

Gero Vogl (*1941 in Bielitz) studierte Physik an der Universität Wien, habilitierte sich an der Technischen Universität München. 1977—1985 Professor, Freie Universität Berlin; 1985—2009 Ordinarius für Physik, Universität Wien.


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.