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Lokalkritik im Collina am Berg: Ein collinarischer Tiefpunkt

Collina am Berg
Collina am BergChristine Pichler
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Das Collina am Berg ist „collinarisch“ ein Tiefpunkt hier am Spittelberg. Man isst weniger Wild als fad.

Wehmütig bleibt der Blick an den mundgeblasenen Seifenblasen-Lampen hängen. Unter ihnen hat hier schon einmal ein Sohn seinen Traum des eigenen Restaurants verwirklichen ­wollen, damals allerdings ästhetisch und ­kulinarisch schwer ambitioniert. 2014 eröffneten Johannes Haselsteiner und Koch Mario Bernatovic das Kussmaul (und schlossen es bald wieder). Nach Harald Brunner (drei Hauben) und Max Stiegl (mit dem wundervollen Balkangrill Stanko + Tito) versucht sich hier jetzt anscheinend der nächste Sprössling, Tono Soravia, den man laut Presseaussendung als „Foodie El Specko“ aus den sozialen Medien kennen sollte (falls man zufällig einer seiner nur rund 2000 Follower auf Insta ist).

Collina am Berg
Collina am BergChristine Pichler

Seit 1. November betreibt er jedenfalls das Collina am Berg, was weniger mit Italien zu tun haben soll, erfährt man, als mit der Ähnlichkeit zu Kulinarik. Womit der bisherige collinarische ­Tiefpunkt an dieser Addresse bereits beschrieben ist. Verwunderlich, kocht doch mit Martin Feichtinger wieder ­Brunners Souschef. Dem scheint aber der Schwerpunkt, den Soravia vorgab, nämlich Wild (aus familieneigener Jagd), wenig zu liegen. Genauso wenig wie dem Lokal, das seit zehn Jahren nahezu unverändert ist, das „moderne Jagdhaus-Ambiente“. Aber vielleicht unterscheidet sich ein solches auch schlicht nicht derart von einer Hipster-Hauben-Jugo-Bar, wie man sich das gemeinhin so vorstellt. Überschaubar auch die Speisekarte: Neben einem Shot, Catch und Spike of the day gibt es nur zwei gute Handvoll kalter und warmer Gerichte, die in der vollen Belanglosigkeit dessen enden, was auf Nachfrage „internationale Küche“ genannt wird.

Collina am Berg
Collina am BergChristine Pichler

Symptomatisch dafür eine salzige Wildbrühe, die wegen akkurat getrimmter Algenkonfetti Dashi heißt und in der fade Grießknöderl schwimmen (13 Euro). Eine Fadesse, die sich auffällig durchzieht, vom Räucherfischbelag des selbst gemachten Knäckebrots (6 Euro) über die Kalbskopf-Crostini (7 Euro) bis zu den Erdäpfeln neben einem derben Viertel bitteren Spitzkrauts, das sich ob zarter Salzzitronen-Bestäubung Wiener Tajine nennen lassen muss (20 Euro). Die zweierlei Wildschwein „Char Siu“ sind weniger kantonesisch als einfach nur zäh, trotz Einheitssoße und des als Trost vom entzückenden Wirt gleich eingeschenkten Nussschnapses. Aber ob die Nüsse vom Jäger bei Vollmond geerntet wurden oder nicht. Wir warten auf den Nächsten, dem die Seifenblasen-Lampen hier leuchten werden.

Info

Collina am Berg, Spittelberggasse 12, 1070 Wien, Tel.: +43/(0)1/715 32 81,
Restaurant: Di–Sa: 17–24 Uhr. Mehr Kolumnen auf: DiePresse.com/lokalkritiken

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