Plötzlich begreife ich, dass Martha sterben wird – und ich auch.
Spectrum

Sophie Reyers Herbst-Erzählung: Ich muss löffeln, sie muss essen

„Hilf doch als Pflegerin aus“, rät mein Vater mir. Ich bin optimistisch, als ich das Krankenhaus betrete. Doch meine Stimmung schlägt rasch um. Schon der erste Moment dort versetzt mich in Ekel. Dann sehe ich Martha.

Das Erwachsenwerden beginnt mit einer Art Ohnmacht. Ich habe die Schule beendet und muss nun sehen, was ich mit meiner Zeit tue. Aufgrund der Corona-Pandemie ist das gar nicht so leicht. Menschen isolieren sich, Begegnung ist nicht mehr möglich. Ich habe jetzt viel Zeit. Den ganzen Tag bin ich am Trödeln, am Umherschweifen, ohne Sinn.

„Hilf doch ein bisschen als Pflegerin aus“, rät mein Vater mir. Er ist Psychotherapeut und hat immer die besten Ratschläge. Zumindest denkt er das. „Die werden immer ­gebraucht“, fügt er hinzu. Ich weiß noch nichts vom Sterben. Aber es wird gerade Herbst, und irgendwie scheint in allem der Tod zu stecken. Also stimme ich seinem Plan zu und bewerbe mich in einem Krankenhaus als Aushilfe.

Ein lauer Wind weht das Laub von den Bäumen, und der September ist so sanft ins Land eingekehrt, dass man einen nicht allzu harschen Winter erwartet. Ich bin also optimistisch, als ich das Krankenhaus betrete. Doch meine Stimmung schlägt rasch um. Schon der erste Moment dort versetzt mich in Ekel. Als man mich in das Zimmer meiner ersten Klientin bringt, wird mir übel. Zuerst ist da dieser Geruch. Ein Geruch nach Tod. Es riecht nach Kacke, Urin und einem seltsam sterilen Zitronenpulver. Aber dann sehe ich das Gesicht der Frau, die da im Bett liegt, grau, faltig und friedlich wie ein altes Laubblatt. Das ist Martha, wie man mir erklärt. Vielleicht, denke ich, kann Martha mir helfen, mir die Maske ablösen, die ich immer noch im Gesicht trage, auch wenn sie unsichtbar ist.

„Guten Morgen!“, sage ich. Martha lächelt mich an und wirkt offen und gewinnend. Während ich ihr, die Anweisungen der ­Krankenschwester befolgend, etwas zu essen gebe, beginnt sie gleich von ihrem Mann ­zu erzählen.

Lieber den unvernünftigen Mann

„Istwan, geliebt hab ich ihn. Hab ihn gepflegt, da war er krank. Gemeinsam mit seinen zwei anderen Frauen. Nein eine dritte gab’s noch, die Susi. Die hat immer Essen geschickt. Arrangiert hab ich’s mir mit denen, irgendwie. Es war ein Segen. Allein hätte ich ihn nicht pflegen können. Die beiden Frauen haben mir geholfen. Aber kurz bevor er gestorben ist, da wollte er ausgerechnet mich noch einmal heiraten! Nach zwei Kindern! Das kränkt die anderen! ,Nach all dem Betrügen, warum jetzt?‘, rief ich wütend. ,Willst du mir alles kaputt machen, jetzt, da ich im Alter mein kleines Glück gefunden hab?‘, entgegnete er traurig. Wie hätte ich Nein sagen können? Ja, ich habe ihn sehr geliebt. Obwohl ich ja neben ihm schon den Gunther hatte. Der war 30 Jahre jünger als ich, kein Ungar, Architekt, nicht so hübsch, aber witzig. Er hatte fast dieselbe Telefonnummer wie mein Mann. War gar nicht so leicht manchmal.“ Sie lacht.

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