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Das Tier und wir: Wie lebt es sich ohne Mensch?

Mit welcher Eleganz sie ihre mächtigen Körper über die Wiese bewegen.
Mit welcher Eleganz sie ihre mächtigen Körper über die Wiese bewegen.Foto: Dorothea Schmid
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Eine Weile waren wir verschwunden, wir sperrten uns drei pandemische Jahre selbst ein und verschafften der geschundenen ­Natur eine kleine Atempause. Aber jetzt sind wir wieder da.

Mitunter geschieht es, dass man sich am Rand einer Weide wiederfindet, soeben das Fahrrad oder den Motor abgestellt hat und nun an einem Zaunpfahl lehnt, sich fragt: Wie lange mag es her sein, dass ich mir Zeit genommen und die Kühe betrachtet habe, Zeit, die diesen Kühen dort zweifellos gebührt? Wie viele Wochen und Monate habe ich zu bewundern versäumt, mit welcher Eleganz sie ihre mächtigen Körper über die Wiese bewegen, mit welcher Gelassenheit sie den Elementen gegenüber­treten?

Nicht von den biologischen und anatomischen Fakten des Phänomens „Kuh“ ist hier die Rede, staunenswert, wie die sind, denn wer außer ihr bewegte sich mit vier Mägen durch die Welt, sondern von ihrer schieren, unwiderstehlichen Präsenz: Gibt es ein Geräusch, das dem gemütvollen, dumpfen Rupfen saftigen Grases ähnelte? Wie huldvoll ihr Quastenschwanz Aberhunderte von Fliegen vertreibt, ohne dass sie angesichts der Quälgeister je ihren Gleichmut verlöre; wie edel die Form ihres Kopfes, wie gelenkig, geradezu artistisch ihre riesige Zunge, wie weich und glänzend Maul und Schnauze. Und wie eine ganze Herde uns betrachtet, sind wir, allzu eilige Wesen, einmal in ihr Blickfeld geraten, das ja die Welt ist, mit welch überzeitlicher Ruhe sie sich zu fragen scheinen, was für seltsame Mit-Kühe es sein mögen, die auf zwei oder gar vier Rädern von links nach rechts, von rechts nach links sausen, röcheln, puckern und dröhnen.

Manchmal wirken die Kühe, still auf ihrem Fleck verharrend, kauend und zufrieden schnaufend, angesichts unserer Ungeduld und unserer Flüchtigkeit geradezu erstaunt, dass wir überhaupt noch da sind.

Und wirklich waren wir ja eine Weile verschwunden, wenn auch nicht ganz und gar und nicht lange genug, wirklich sperrten wir uns drei pandemische Jahre ausnahmsweise selbst ein und verschafften der geschundenen Natur so eine kleine Atempause beziehungsweise, denn so bezeichnen die Gelehrten die vorübergehende Abwesenheit des Menschen: eine Anthropause. Plötzlich traten sie alle wieder hervor, auf allen Kontinenten, wagten sich neugierig in die Siedlungen vor und sogar mitten hinein in die Städte: die Jaguare Südamerikas, die Rehe, Wildschweine und Ziegen; die Pumas in Santiago de Chile, die Elefanten in Botswana, die Malabar-Zibetkatze in Indien, dazu die Stachelschweine und die Florida-Waldkaninchen.

Als wäre ein böser Fluch von den Dingen genommen worden

In der Tejo-Mündung in Lissabon tummelten sich die Tümmler, und in den Gewässern Hongkongs tauchte der rosafarbene Delfin aus seinem Unterwasserexil auf – als wäre ein Bann gebrochen, ein böser Fluch von den Dingen genommen worden. Und wenn es sich nicht um eine gut erfundene Geschichte handelt, so stellten die nicht als Stimmvirtuosen berühmten Sperlinge von San Francisco, weil die Stadt auf einmal nicht mehr lärmte und dröhnte und diese Stille ungeahnte akustische Freiheiten bot, das unmelodische Tschilpen ein und begannen zu modulieren, ungeahnte Tonleitern zu testen, begannen wahrhaftig zu singen.

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