Artenvielfalt

„Wie eine Bibliothek, in der es brennt“

Hat das Wissen um Wiesenkräuter abgenommen, seit es Maggi für die Suppe gibt?
Hat das Wissen um Wiesenkräuter abgenommen, seit es Maggi für die Suppe gibt?Clemens Fabry
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Diese Krise ist noch so gut wie unbekannt: Das Wissen um die Artenvielfalt nimmt in dramatischem Tempo ab. Das hat weitreichende Folgen. Wissenschaftlerinnen fordern einen grundsätzlich neuen Zugang zur Natur.

Dass sich die Artenvielfalt in einer Krise befindet, hat sich herumgesprochen – auch wenn die immer enger werdende Biodiversität im Schatten der Klimakrise stattfindet. Biodiversitätsforscher schätzen den Artenschwund zumindest als eben so schwerwiegend ein wie das sich aufheizende Klima: Biodiversität ist wie ein Netzwerk – mit jeder Art, die ausstirbt, wird das Netzwerk schwächer. Die Wissenschaft weiß nicht, wann der Punkt erreicht wird, zu dem Risse im Netz auftreten und welche Konsequenzen dies hat – für die Vielfalt der Arten, für uns Menschen.

Das Wissen um die Biodiversität ist selbst in Gefahr. Es nimmt in dramatischem Tempo ab. Suzanne Kapelari von der Universität Innsbruck, die sich mit der Didaktik der Biologie beschäftigt: „Das Wissen um die biologische Vielfalt ist vom Aussterben bedroht.“

Tradiertes Wissen entgleitet uns

Dieser Prozess sei schon seit Jahrzehnten zu beobachten. So könnten immer weniger Arten benannt werden, wie sich z. B. bei Tests in Schulen zeige – die Heranwachsenden sind immer seltener in der Lage, Kräuter und Tiere zu erkennen. „Damit schwindet auch das Wissen über die Bedeutung für den Menschen. Es braucht nicht mehr die Kenntnis der einzelnen Wiesenkräuter, seit wir zum Beispiel Maggi in die Suppe geben.“

Warum ist es dazu gekommen? „Möglicherweise hängt dies zusammen mit dem Vordringen der industriellen Landwirtschaft und der Globalisierung, die dazu geführt haben, dass die Verbindung zu den Produzenten der Nahrungsmittelproduktion nicht mehr gegeben ist“, sagt Kapelari. Insgesamt habe der Mensch in den industrialisierten Ländern der Nordhalbkugel mehr und mehr die Verbindung zur Natur und zum tradierten Wissen entgleiten lassen.

Und die Wissenschaft? Auch hier sei eine Erosion an Wissen festzustellen. „Es ist einfach so, dass die Erforschung von Biodiversität und das Beobachten von Langzeitentwicklungen im wissenschaftlichen Betrieb nicht geschätzt werden.“ Die Wissenschaftscommunity habe immer stärker anderes im Blick, „die Forschung konzentriert sich auf das Neue, etwa auf Gentechnik“. In diesen Feldern ließen sich Studien häufiger publizieren. Und: „Mit Artenvielfalt lassen sich kaum Drittmittel lukrieren – Forschungen zu Gentechnik sind da viel lukrativer.“ Veranstaltung wie die Tage der Biodiversität, die Anfang November an der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien stattgefunden haben, geben da ein etwas verzerrtes Bild: „Alle Teilnehmer, die an die Boku gekommen sind, befinden sich in einer Bubble. Die meisten Biologen und Biologinnen sind nicht in der universitären Forschung tätig, sondern anderswo.“

Natur hat Wert an sich und für sich selbst

Das Schwinden des Wissens um Artenvielfalt sei auf allen Ebenen zu beobachten. Die diesbezügliche Sprachlosigkeit beginne in den Kindergärten, gehe weiter über die Schulen bis an die Unis und habe sich auch in den Familien breitgemacht. „Fast jede und jeder weiß, dass Tiger gefährdet sind. Was es aber für ein Ökosystem bedeutet, wenn Tiger ausgestorben sind, vermag fast niemand zu sagen.“ Kapelari erklärt: „Es erscheint so wie eine Bibliothek, die brennt. Das Feuer verschlingt Bücher, die wir noch nicht einmal gelesen haben.“ Sie fordert einen „Wertewandel“ und einen neuen Zugang zur Natur.

Dies bestärkt Alice Vadrot, Forscherin am Institut für Politikwissenschaften an der Universität Wien. Sie fordert eine völlige Neudefinition des Verhältnisses des Menschen zur Natur und tritt außerdem dafür ein, dass die Natur Rechtspersönlichkeit bekommt. Es bedarf einer Neubewertung. „Der Wert der Natur muss in den politischen Prozessen mitgedacht werden. Und dabei ist es zu wenig, nur auf ,Ökosystemleistungen‘, wie etwa die Bestäubung durch Insekten, zu schauen. Die Natur hat einen Wert an sich und für sich selbst, ganz unabhängig vom Menschen.“ Vadrot meint weiter, dass sich der Mensch als kleiner Teil eines großen Ganzen begreifen müsse.

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