Geschichte

„Die Medizin war tief mit dem NS-Regime verwoben“

Angehörige der Studentenkompanie und Studierende in Zivil während einer medizinischen Vorlesung (1941, Deutschland).
Angehörige der Studentenkompanie und Studierende in Zivil während einer medizinischen Vorlesung (1941, Deutschland). Scherl / SZ-Photo / picturedesk.com
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Der bisher umfassendste Bericht zu NS-Medizinverbrechen sowie deren Auswirkungen auf die Gegenwart liegt vor.

Emil Gelny, der „Euthanasie“-Arzt in den niederösterreichischen Heil- und Pflegeanstalten Gugging und Mauer-Öhling, mag eine Randfigur gewesen sein. Ein radikalisierter Außenseiter, der ohne besondere akademische Meriten in eine verantwortungsvolle Position gekommen ist. Regional prominente Beispiele täuschen jedoch oft darüber hinweg, dass viele Täter der NS-Medizinverbrechen aus der Mitte der Universitätsprofessorenschaft stammten. So wurde die Aktion T4 – der Mord an über 70.000 Menschen mit Beeinträchtigung – von den Spitzen der damaligen Psychiatrie orchestriert. 

Die Mitschuld der Wissenschaft

„Es kursieren sehr viele vage Vorstellungen, was die Medizin im Nationalsozialismus betrifft“, sagt auch der Medizinhistoriker Herwig Czech von der Med-Uni Wien. So gäbe es eine sehr verengte Wahrnehmung hinsichtlich der Humanversuche. „Josef Mengele (Anthropologe und Lagerarzt im KZ Auschwitz-Birkenau, der medizinische Experimente an Häftlingen durchführte; Anm.) ist wahrscheinlich einer von drei Namen, den Leute international zum Nationalsozialismus nennen können“, meint er. „Stark verankert ist auch die Idee, dass das Einzelfälle sind, es wenige Mediziner waren, die völlig außerhalb des damaligen wissenschaftlichen Feldes agiert haben, und das eine Pseudowissenschaft war.“

Mit solchen Mythen räumt jetzt eine über 70-seitige Publikation der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet“ endgültig auf – Czech ist einer der Erstautoren. „Wir halten diesen entgegen, dass die Medizin auf vielen Ebenen tief mit dem Regime verwoben war, vor allem, was diese Agenda der ,Rassenhygiene‘ und Eugenik betrifft.“ Der Wiener Medizinhistoriker leitet die Anfang 2021 gegründete 20-köpfige Lancet-Commission on Medicine, Nazism, and the Holocaust als Co-Vorsitzender. Ziel dieser ist es, international führende Vertreterinnen und Vertreter des Feldes zusammenzubringen, damit sie den Erkenntnisstand erfassen und einem medizinischen Publikum weltweit nahebringen. Am Donnerstag wurde der umfangreiche Kommissionsreport (die Referenzliste umfasst knapp 900 Beiträge) bei einem Symposium an der Med-Uni Wien präsentiert.

Czech weist darauf hin, dass selbst eigentlich unauffällige Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens das Konzept eines „rassenreinen und gesunden Volkskörpers“ im Sinne des NS ins Zentrum ihres Programms gerückt hatten. „Die Gesundheitsämter wurden lange Zeit gar nicht näher beforscht, weil sie nicht als Sonderinstitutionen des Naziregimes wahrgenommen wurden. Dabei wurden sie in Deutschland bereits 1935 völlig neu aufgestellt, um ,Rassenhygiene‘ zu betreiben.“ Die dahinterstehenden theoretischen Konzepte waren übrigens Teil des wissenschaftlichen Mainstreams und wurden schon vor 1933 international diskutiert. „Viele der führenden Vertreterinnen und Vertreter der ,Rassenhygiene‘ waren anerkannte Wissenschaftler, viele auch nach 1945. Da gibt es eine starke Kontinuität“, so Czech, der sich in seinem aktuellsten Projekt mit der Geschichte der Hirnforschung der deutschen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute: Max-Planck-Gesellschaft) und Opfern der NS-Verfolgung beschäftigt.

Widerständige nicht vergessen

Was im Report aber ebenfalls hervorgehoben wird: Auch wenn Ärzte und Ärztinnen sowie andere Gesundheitsfachkräfte in sehr hohem Maß bereitwillig die mörderische NS-Politik mittrugen und umsetzten, existieren genauso historische Beweise für widerständiges Verhalten, wenn es zum Beispiel darum ging, das Sterilisationsgesetz anzuwenden oder mit „Euthanasie“-Programmen zusammenzuarbeiten. Bemerkenswert, so heißt es im Bericht, sei das breite Spektrum an Widerstandsbemühungen jüdischer und anderer verfolgter Fachkräfte, vor allem der Kampf von Ärztinnen, Ärzten, Hebammen und Krankenschwestern um die medizinische Versorgung in den Ghettos und Konzentrationslagern. Dazu zählt die Polin Anna Braude-Heller (1888–1943). Sie war Chefärztin eines jüdischen Kinderkrankenhauses, das nach der deutschen Besetzung Teil des Warschauer Ghettos wurde. Anstatt sich selber während des Aufstandes im Frühjahr 1943 zu retten, beschloss sie, bei ihren Patientinnen und Patienten im Bunker zu bleiben.

Eine der Hauptforderungen des Lancet-Reports ist, dass die Erkenntnisse daraus in der Ausbildung der Gesundheitsberufe verankert werden. Die Rolle der Medizin in Nationalsozialismus und Holocaust sei dabei als ein Extrem der Verwicklung von medizinischen Fachkräften in Menschenrechtsverletzungen zu verstehen, betont Czech.

In Zahlen

60,4 Prozent der unter dem NS-Regime verbliebenen österreichischen Ärzte und Ärztinnen waren Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Organisationen.

18,2 Prozent der Ärzte waren SA-Mitglieder, 8,2 Prozent gehörten der SS an.

11,6 Prozent der Ärztinnen waren bei der NS-Frauenschaft (NSF).

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